Auf der Spur von Steller

Artikel vom 01.08.2001  —  Autor: Onno Groß

"Den 22 Dec 1737. reiste abends um 3 Uhr aus Sankt Peterburg mit meiner Frau Liebsten, unserer kleinen Tochter... auf 3 Schlitten mit 4 Pferden...". So beginnen die Aufzeichnungen der neun Jahre dauernden abenteuerlichen Reise des Arztes und Botanikers Georg Wilhelm Steller in den fernen Osten Russlands. Seit dem 18. Jahrhundert war das Tagebuch der ersten Etappe bis Enisejsk (Jennissejsk) unauffindbar.

Der Forscher Wieland Hintzsche, Mitarbeiter der Franckeschen Stiftungen zu Halle, hat jetzt Stellers Diarium im Archiv der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg wiederentdeckt. Die bisher noch nicht veröffentlichten Aufzeichnungen eröffnen auf mehr als 330 Seiten ganz neue Einblicke in den Charakter dieses Pioniers der Feldforschung, beleuchten seine sorgfältige Vorbereitung der Expedition und bringen eine Fülle unbekannter Beobachtungen.

Steller, der Theologie und Medizin in Wittenberg und Halle studierte, zieht es nach St. Petersburg, wo er von 1733 bis 1743 an der 2. Kamtschatka-Expedition - dem aufwendigsten Forschungsunternehmen des 18. Jahrhunderts - teilnimmt. Versehen mit einer umfangreichen Liste professoraler Instruktionen, reist er durch Sibirien zur Halbinsel Kamtschatka. Wissbegierig beginnt der junge Forscher, das Land, seine Vulkanberge, die Fauna und Flora sowie die hier lebenden Völker, vorwiegend Itelmen (Kamtschadalen) und Korjaken, zu erforschen. Er lernt wichtige Heilpflanzen zu unterscheiden. Gegen den Skorbut "bedienet man sich des Decocts [abgekochter Trank] von kleinen Zederngesträuchen... mit sehr großem Nutzen, und augenscheinlichem Effect...", heißt es in seiner 1774 erschienenen "Beschreibung von dem Lande Kamtschatka" - sie galt noch 100 Jahre danach als wichtigstes Werk über die arktische Natur und ihre Bewohner.

Im Frühjahr 1741 erhält Steller von Vitus Bering , dem Leiter der Expedition, das ehrenvolle Angebot, als Naturforscher auf dem Paketboot "St. Peter" mitzureisen. Bering, ein Däne, hatte bereits auf der 1. Kamtschatka-Expedition die später nach ihm benannte Meerenge zwischen Asien und Amerika durchfahren.

Auf der Rückfahrt strandet die "St. Peter" am 4. November 1741 im Sturm auf der später nach Bering benannten Insel nahe Kamtschatka. "... Schlitten, lauffer, fuchsfalle von uns gefunden, ein Stuk von einem flos... und Ruder..., so ohne Zweiffel aus Kamtschatka abgetrieben... ein Stuk von dem Korb wo sie in Kamtschatka fische Verwahren...", schreibt Steller in der jetzt ebenfalls in St. Petersburg aufgefundenen Tagebuchkladde. Es gibt kein Bildnis von ihm. Einzig sein eng beschriebenes Tagebuch, kenntnisreich und mit Ironie geschrieben, sind erhalten. Es sind Zeugnisse eines großartigen Forschers.


(NG, Heft 8 / 2001)


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