Die Königskobra

Artikel vom 01.11.2001  —  Autor: Mattias Klum

Der nebelfeuchte Regenwald des Danum Valley in Borneo wirkt wie von innen erleuchtet, als ich vor Sonnenaufgang aufwache. Irgendwo dort unten lebt sie: die Königskobra (Ophiophagus hannah), der Anlass meiner Reise nach Südostasien. Sie ist die längste Giftschlange der Welt, und ihr Nervengift kann einen Elefanten töten.

Dieses Reptil, das sich in Kampfpose mannshoch aufrichten kann, ist jedoch eher scheu und zurückhaltend; aggressiv reagiert eine Kobra nur, wenn sie provoziert wird. Wie viele Kobras es heute noch gibt, darüber ist wenig bekannt. Aber das Verschwinden der Wälder und der illegale Handel mit Schlangenprodukten sind eine große Gefahr für ihr Überleben.

Bei Menschen aus dem Westen erregen Kobras vor allem eines: Angst. Im Osten aber werden sie verehrt, ja sogar angebetet und dienen den Einheimischen als willkommene Einnahmequelle für die Unterhaltung der Touristen. Wild gestikulierend und mit dem Ruf "King Cobra!" locken geschäftstüchtige Schlepper die Passanten in ein kleines Haus. Dort dürfen sie für zehn Baht (etwa 50 Pfennig) die Damen des King Cobra Club bewundern: Sie tanzen und schieben sich dabei den Kopf einer lebenden Schlange in den Mund. Woher der Tanz stammt, kann mir niemand sagen. Aber wirtschaftlich ist er ein Erfolg - und dem uneingeweihten Publikum jagt er Schauer über den Rücken.

Als gefürchteter Bodenjäger tötet die Kobra auch andere Schlangenarten. Im malaysischen Langkawi beobachte ich, wie eine Kobra ihr Opfer verschlingt: Auch bei vollem Maul kann sie mit ihrer deutlich sichtbaren Luftröhre weiteratmen. Im Gegensatz zu anderen Arten bauen weibliche Königskobras ein Nest aus Laub und verteidigen auch ihr Revier. Ihr äußerst wirksames Nervengift injizieren sie ihrem Opfer durch kleine, nur rund einen Zentimeter lange Fangzähne. Die Jungen - pro Gelege 20 bis 40 Tiere - sind schon beim Schlüpfen mit dem tödlichen Cocktail ausgestattet.

Und bis Kobras ihre berühmten fünfeinhalb Meter Länge erreichen, nimmt die Giftmenge zu. Alle paar Wochen werden ausgewachsene Kobras auf einer Schlangenfarm in Bangkok "gemolken". Das Gift wird Pferden in kleinen Mengen gespritzt, die daraufhin Antikörper bilden. Aus dem Blutplasma der Pferde wird dann Schlangenserum hergestellt. Nur wenn es rechtzeitig verabreicht wird, kann es die Auswirkungen der hochgiftigen Schlangentoxine stoppen.


(NG, Heft 11 / 2001)
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