Die letzte Generation

Artikel vom 01.02.2001  —  Autor: Peter Godwin

Vom Sambesi bis zum Kap der Guten Hoffnung, vom Atlantik bis zum Indischen Ozean erstreckte sich einst das Reich der Buschleute in Afrika. Die Tswana, ihre Nachbarn in der Kalahari, nennen sich dennoch "Menschen, die nichts besitzen". Ihre Vieh züchtenden Vettern, die Khoi, bezeichnen sie als "Außenstehende". Europäische Kolonisten, die vor 350 Jahren an Südafrikas Küsten landeten, hielten die Buschleute für eine Bedrohung ihrer Viehherden. Man behandelte sie wie Ungeziefer und tötete unzählige von ihnen. Die außergewöhnlichen Sprachen der Buschleute mit ihren Klick- und Schnalzgeräuschen wurden nicht als menschliche Sprache klassifiziert, sondern als Tierlaute eingeordnet, wie das Gackern von Hühnern oder das Kollern von Truthähnen.

Bald siechten die Buschleute an den Rändern der Gesellschaft dahin, auf der untersten Stufe des brutalen afrikanischen Kastensystems. Viele wurden zu Sklaven der Bantu-Viehzüchter, andere arbeiteten für gelegentliche Almosen auf den Farmen der Weißen. Die endgültige Wandlung der Kalahari-Buschleute, so glauben einige Ethnologen, wurde in den fünfziger Jahren mit der Bohrung zahlreicher Brunnen eingeleitet. Bis dahin hatte die ursprüngliche Bevölkerung in der Wüste nämlich vor allem einen Vorteil gegenüber anderen Menschen: ihre Fähigkeit, ohne offene Wasserstellen überleben zu können. Heute fördern die Viehzüchter das Wasser aus tiefen Brunnen, die Buschleute mussten den wachsenden Herden weichen.

Die Kenntnisse der Buschleute könnten nun, wie manche glauben, die größte Chance bieten, einige Reste dieser Kultur zu bewahren. Lokale Verbände haben versucht, Abkommen zwischen den Buschleuten und Touristikunternehmen auszuhandeln, um zu verhindern, dass die Urbevölkerung abermals nur ausgebeutet wird.

Doch es gibt schon Unternehmen wie "Intu Afrika", ein von Weißen kommerziell geführtes Wildreservat, in dem eine Gruppe von Buschleuten lebt, und das nur wenig Hoffnung auf die Erhaltung der herkömmlichen Lebensweise verheißt. Hier kommen Wagenladungen voller Touristen an, um von 40 ortsansässigen !Xóõ-Buschleuten unterhalten zu werden.

"Am liebsten würden wir in eine Zeit zurückkehren, in der es keine Grenzen gab, keine Zäune", sagt Mario Mahongo, Vorsitzender einer Art Lobby, die die Interessen sowohl der !Xóõ als auch der Kxoé vertritt. "Vieles von unserer Kultur", klagt er, "ist verloren. Wir müssen die Kraft finden, in dieser Welt einen Platz für uns zu schaffen. Sonst gibt es bald keinen mehr von uns. Wir werden alle verschwunden sein. Und nur unsere Malereien werden euch noch an uns erinnern."


(NG, Heft 2 / 2001)
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