Einer so faszinierenden Frau gebührt ein besonderer Platz. Von der Rotunde aus kann ich sie schon sehen. Gleich neben dem Eingangssaal hat sie einen edlen, dunklen Raum - ganz für sich. Ein Glaskasten schützt sie vor allzu aufdringlichen Bewunderern, zehn Scheinwerfer tauchen sie in geheimnisvolles Licht. Nofretete, die Schöne vom Nil!
"Die Schöne ist gekommen", so heißt ihr Name übersetzt. Stolz scheint Nofretete ihre Betrachter anzusehen. Ein langer, schlanker Hals trägt ihren aufrechten Kopf, ein leichtes Lächeln umspielt den feinen Mund. Hohe Wangenknochen und die Mandelaugen geben der Königin ein exotisches Aussehen. Auch nach fast 3500 Jahren ist Nofretete alterslos schön. Da macht es nichts, dass ihr linkes Auge fehlt. Möglicherweise hatte sie nie eines.
"Diese Büste ist ganz und gar konstruiert", bedeutet mir wissenschaftlich nüchtern Rolf Krauss, der Kurator des Ägyptischen Museums in Berlin. "Kein menschliches Gesicht hat solche mathematisch exakt festgelegten Proportionen." Nofretetes Kopf ist ein Idealbild. Er stammt aus der Werkstatt des Thutmose, eines der großen Bildhauer der Amarna-Zeit. Krauss fand heraus, dass die Maße der Plastik präzise in ein Rasterssystem eingepasst sind: in Fingerbreiten von jeweils 1,875 Zentimetern, 26 davon ergeben knapp 50 Zentimeter - die Höhe der Büste.
Doch wozu diente sie? War sie ein Objekt des Königskults, wie manche Ägyptologen meinen? Oder Modell für ganze Serien von Plastiken, die in der Amarna-Zeit im Tempel und Palast ausgestellt waren? In Amarna, wo sich einst Thutmoses Werkstatt befand, stieß der Ägyptologe Ludwig Borchardt am 7. Dezember 1912 auf die perfekt erhaltene Büste der Nofretete. Selbst die Mineralfarben hatte das Wüstenklima konserviert. "Wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in den Händen", notierte der Forscher begeistert.
Seit einem Dreivierteljahrhundert hat sie einen festen Platz in der Berliner Museumskultur. "Es war schon eine Sensation, als die Nofretete 1924 ausgestellt wurde", sagt Museumsleiter Dietrich Wildung. In jenen Jahren erschienen die ersten farbigen Illustrierten, und die begeistert adoptierte Ägypterin wurde rasch zum Covergirl. Sonntags pilgerten die ägyptomanen Berliner gleich scharenweise "zu den Mumien", und die Frauen kopierten begierig das Make-up der eleganten Königin. Kunsthistorisch wird die Nofretete vielleicht überschätzt. Aber "Anfang der 20er Jahre war sie stilprägend", sagt Wildung. "Und noch heute ist sie für viele Frauen ein Idealbild."
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