Bis zum Tod trug sie die Sehnsucht nach Sansibar in ihrem Herzen. Nachfahren ließen einen Vers von Theodor Fontane in den Grabstein auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf eingravieren: "Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie Du." Heute säumen hohe Rhododendren ihre Ruhestätte, und jemand hat eine rote Rose an das Grab von Emily Ruete gelegt, die am 30. August 1844 als Sayyida Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar, geboren wurde.
Sansibar im Jahr 1866: Die Insel ist Sitz der omanischen Dynastie der Al-Bu-Said, deren Macht und Einfluss bis nach Somalia, Uganda, Zaire und Malawi reicht. Sayyida Salme, Tochter von Sayyid Said bin Sultan und einer tscherkessischen Nebenfrau, lernt den Kaufmann Rudolf Heinrich Ruete, Agent des Hamburger Handelshauses Hansing & Co, kennen und wird schwanger. Als der Sultan, ihr Bruder Majid, davon erfährt, ist ihr Leben in Gefahr. Am 25. August geht sie heimlich auf das britische Kriegsschiff "H.M.S. Highflower", das sie nach Aden bringt. Durch die Heirat mit Ruete wird die orientalische Prinzessin zur deutschen Bürgersgattin Emily Ruete.
Bald darauf lebt sie in Hamburg. Im August 1867 bringt das Familienblatt Daheim einen herzerweichenden Beitrag über ihr früheres Leben und die scheinbar gewonnenen Freiheiten. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Emily Ruete leidet unter den gesellschaftlichen Zwängen und der menschlichen Kälte der Hansestadt. Als ihr Mann im Winter 1870 tödlich verunglückt, bleiben ihr nur die Kinder: Antonie, Rudolph Said und Rosalie. Über ihr Erbe kann Emily Ruete nach Hamburger Recht nicht frei verfügen.
Sie verlässt die Stadt, zieht nach Dresden, Rudolfstadt, Berlin, schlägt sich als Arabischlehrerin durch, schreibt ihre Memoiren. Heimisch wird sie nirgends. "Sie erlebte früh das Schicksal einer Ausländerin in Deutschland", sagt Heinz Schneppen, der Herausgeber ihrer Briefe nach der Heimat.
Dann gerät Emily Ruete in den Strudel der deutschen Kolonialpolitik. In den Jahren zuvor hat der Deutsche Carl Peters auf oft betrügerische Weise Besitzungen für die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft zusammengerafft und dabei auch im Revier von Barghash, dem Sultan von Sansibar, gewildert. Als dieser, ein Halbbruder von Prinzessin Salme, sich bei Kaiser Wilhelm beschwert, setzt Reichskanzler Bismarck Kriegsschiffe in Marsch. Mit an Bord: Emily Ruete. Von Bismarcks Plan weiß sie freilich nichts - sollte der deutschen Staatsbürgerin etwas zustoßen, wäre das ein Vorwand, um die Insel zu beschießen. Doch der Sultan gibt klein bei. Die von Peters erworbenen Gebiete des Sultans auf dem Festland kommen unter den "Schutz" des Deutschen Reichs. Fünf Jahre später verzichten die Deutschen zu Gunsten Englands auf Witu im Nordosten von Kenia und gestehen den Briten auch das Protektorat über Sansibar zu. Im Gegenzug erhalten sie den Caprivi-Zipfel im heutigen Namibia - und Helgoland.
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