Die Situation ist mir von meiner eigenen Überwinterung vor der Ostküste Grönlands nur allzu gut vertraut: ein Segelschiff, festgefroren in meterdickem Eis. Temperaturen, die ins Bodenlose fallen. Schneekristalle so hart wie Wüstensand, die waagerecht durch die dunkle Polarnacht peitschen und wie Schmirgelpapier den Lack vom Holz abtragen. Einsamkeit und Leere, die geradezu körperlich spürbar sind. Dann der Kontrast: Durch einen provisorisch mit Segeltuch verhängten Niedergang taucht man in die Behaglichkeit des Schiffsbauchs ein, seine Decksbalken sind geschwärzt vom Ruß des Ofens und der Petroleumlampen - die Illusion ist perfekt. Auf dem glühenden Ofen dampfen Kaffee und heiße Schokolade. Ganz entspannt spielen die Crewmitglieder Karten, schälen Kartoffeln oder lesen. Die Atmosphäre wirkt gelöst, fast heiter, und nichts deutet auf die übermächtige Natur dort draußen hin. Das Schiff ist zu einem Kokon im Eis geworden, ohne den der Mensch in dieser feindlichen Umwelt nicht überleben könnte.
Genauso muss es vor fast 100 Jahren auf dem deutschen Forschungsschiff "Gauss" ausgesehen haben. Am 2. April 1901 war es auf den Kieler Howaldtswerken vom Stapel gelaufen. Nach dem Vorbild der norwegischen "Fram", mit der Fridtjof Nansen, Otto Sverdrup und später auch Roald Amundsen ihre erfolgreichen Polarexpeditionen durchgeführt hatten, war dieser Segler aus massivem Holz konstruiert worden. Unter der Leitung von Kapitän Hans Ruser und Expeditionsleiter Erich von Drygalski verließ die "Gauss" am 11. August 1901 den Kieler Hafen und nahm Kurs auf die Antarktis . "Am Morgen des 14. Februar 1902 hatten wir das Eis in deutlicher Nähe vor uns", notierte Drygalski sechs Monate später. Tagelang fuhr das Schiff unter Segeln und mit Dampfkraft durch immer dichter werdende Eisfelder, bis es am 22. Februar in die Falle ging: "So liefen wir mit rascher Fahrt gegen acht Uhr abends in das breite Tor zwischen den beiden Eiskanten ein. Ich gestehe, dass mich bei dieser Einfahrt ein gewisses Grauen erfasste."
Ein Sturm setzte ein und schloss das Eistor hinter der "Gauss" auf 66 Grad 2 Minuten Süd, 89 Grad 38 Minuten Ost. Alle Versuche, das Schiff zu befreien, scheiterten. Eine gute Woche später schickten sich die Deutschen ins Unvermeidliche und bereiteten die Überwinterung vor. Die Männer ließen sich zwar auch durch grimmigste Witterungsbedingungen nicht von ihrer Arbeit abhalten, aber zusätzliche Aufgaben wie das Ausgraben des Schiffs nach Schneestürmen erregten ihren Unmut. Um die Männer abzulenken, ließ der erfahrene Expeditionsleiter sie bis zur Erschöpfung arbeiten, und wenn es keine Arbeit mehr gab, erfand er welche. Manchmal half selbst das nicht: "Auch in der ersten Messe haben in der Winterzeit schlechtere Stimmungen zeitweilig Platz ergriffen... Der Mangel an Bewegung bei den Schneestürmen und die Einförmigkeit des Dienstes trugen wesentlich dazu bei." In der Hoffnung, seine Leute aufzumuntern, organisierte Drygalski Skatturniere und Liederabende. Beinahe hätten die Männer von der "Gauss" einen weiteren Winter in der Antarktis verbringen müssen. Erst am 2. Februar 1903 - fast am Ende des Sommers - brach das Eis.
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