Grotte der Genies

Artikel vom 01.08.2001  —  Autor: Jean Clottes

Seit mehr als 500 000 Jahren überspannt der Pont d'Arc die Ardéche. Haben prähistorische Menschen in den Konturen dieses Felsbogens die Flanken und den nach links blickenden Kopf eines Tiers, vielleicht eines Mammuts oder Bisons, erkannt? Bewacht von der gigantischen Kalksteinbestie, scheint dieses Tal von Mythen durchdrungen zu sein: Gut zwei Dutzend mit Malereien geschmückte Höhlen sind hier seit Ende des 19. Jahrhunderts gefunden worden.

Verglichen mit den 20 000 Jahre alten Bildern von Lascaux in der Dordogne oder den 17 000 Jahre alten Kunstwerken im spanischen Altamira, erregten sie zunächst wenig Aufmerksamkeit. Bis 1994 die nach ihrem Entdecker benannte Grotte Chauvet gefunden wurde.

Die ersten Fotos aus der Höhle erstaunten Spezialisten und Laien gleichermaßen. Jahrzehntelang hatten Wissenschaftler angenommen, dass die frühe Kunst sich allmählich entwickelte, von primitiven Ritzereien bis zu lebendigen, naturalistischen Darstellungen. Mit anderen Worten: Die Meisterwerke von Chauvet mit ihren subtilen Schattierungen, den geschickt eingesetzten Perspektiven und den eleganten Linien mussten auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung entstanden sein. Alles falsch! Radiokarbondatierungen ergaben, dass die Malereien von Chauvet etwa doppelt so alt sind wie jene in Lascaux und Altamira: Sie stehen nicht am Ende, sondern am Anfang der Entwicklungsstufen prähistorischer Kunst.

Zur Chauvet-Höhle liegen den Forschern mehr Radiokarbondatierungen vor als zu jeder vergleichbaren Stätte, insgesamt 30. Ihnen zufolge waren Menschen schon vor 32 000 Karbonjahren, das entspricht etwa 35 000 Kalenderjahren, in dieser Höhle. 17 eindeutig datierte Kunstwerke entstanden zu jener Zeit.

Das französische Kultusministerium setzte sich - ein Novum - dafür ein, die Untersuchung der Höhle durch ein ausschließlich professionelles Team zu unterstützen. Eine zwölfköpfige Forschergruppe untersucht die Kunst an den Wänden und die Spuren von Menschen und Tieren am Boden. Unterstützt werden sie bei Bedarf von Experten für Datierungen, Pigmentanalyse, Tierverhalten und andere Disziplinen. Erfahrene Spezialisten für Felsenkunst aus zehn Ländern beraten sie bei der Suche nach den Geheimnissen der Kunst aus der Altsteinzeit.


(NG, Heft 8 / 2001)
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