Im Reich der Korallen

Artikel vom 01.01.2001  —  Autor: Douglas H. Chadwick

Grosse Katzenaugen leuchten plötzlich im Schein meiner Handlampe auf. Wie mattes Silber flackern sie mal näher, mal weiter weg im Lichtstrahl. Die Pupillen sind dunkler als die Dunkelheit, durch die sie gleiten. Doch zwölf Meter tief im Korallenmeer jagen keine Katzen. Es sind Haie. Zwar kann ich die Arten schlecht ausmachen, aber einige der schemenhaften Körper sind ein gutes Stück länger als ich selber.

Schneller als geplant ist der Vorrat meiner Pressluftflasche zu Ende. So komme ich weit vom Boot entfernt an die Oberfläche. Ich schwimme durch die schwarze Dünung auf das ferne Licht des Schiffs zu wie in einem dieser Träume, in denen man rennen muss, aber nicht vom Fleck kommt. Ich bin entschlossen, so schnell keinen Nachttauchgang mehr am Großen Barriereriff vor Australien zu machen. Aber ein paar Tage später schaue ich bei Vollmond in 15 Meter Tiefe schon wieder in ein Paar Katzenaugen. Sie gehören einem Ocellus-Lippenhai.

Das Große Barriereriff in Nordostaustralien ist die größte zusammenhängende Korallenformation auf der Erde. Der Fotograf David Doubilet und ich durchstreiften mit Tauchbooten das Riff über eine Strecke von 6500 Kilometern. Wir verbrachten so viele Stunden unter Wasser, dass mir das Land bereits seltsam vorkam. Als schließlich Schiffshalter an meinem Bein festmachten - Fische, die sich sonst an Haie und Mantarochen heften -, fragte ich mich, ob ich nicht lieber das Trockene aufsuchen sollte.

An und in einer Korallenbank gibt es mehr irdisches Leben, mehr urtümliche Arten unterschiedlicher Ordnungen als auf einem ganzen Kontinent. Nur für uns, die wir über Wasser geboren sind, scheint das Reich der Korallen einer anderen Welt anzugehören.

Ein Korallenriff entsteht, wenn über viele Generationen Tiere und Pflanzen mit Kalkskeletten zusammensiedeln und aufeinander aufbauen. Das Reich der Korallen ist von den Veränderungen an Land immer stärker betroffen. Entwaldung, intensive Viehhaltung und Abwässer von Städten, Farmen und Industrien an den Flüssen führten zu einem verstärkten Zufluss von Sedimenten und Nährstoffen ins Große Barriereriff. Und genau sie sind es, die das Riff ruinieren.


(NG, Heft 1 / 2001)
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