Im Tal der Könige

Artikel vom 01.10.2001  —  Autor: Kent R. Weeks  —  Bilder: Kenneth Garrett Illustrationen: Christopher A. Klein

Seit 1825 hat niemand mehr einen Fuß in das Innere dieses alten Grabs gesetzt. Damals ist es einem britischen Reisenden und Zeichner namens James Burton gelungen, eine Skizze der ersten Kammern anzufertigen. Das Grab lag irgendwo in der Nähe des Eingangs zum Tal der Könige - der Nekropole für die Pharaonen des Neuen Reichs. Ich bin Professor für Ägyptologie an der Amerikanischen Universität in Kairo und leite dort ein Kartierungsprojekt, dasTheban Mapping Project.

Als die Straße am Eingang zum Tal der Könige ausgebaut werden soll, beschließe ich, dieses Grab mit dem Namen KV 5 unter die Lupe zu nehmen. An einem heißen Dienstagvormittag im Juli 1989 beginnen unsere Arbeiter mit den Vorbereitungen für die Grabung. Mit einfachen, selbst gefertigten Hacken kratzen sie Schutt zusammen und schleppen ihn weg. Dann entdecken wir einen schmalen Durchgang. Mit meiner Stellvertreterin Catharine Roehrig und unserem langjährigen Mitarbeiter Muhammad Mahmoud zwänge ich mich hinein.

Zu beiden Seiten ist das Grab beinahe bis zur Decke mit Ablagerungen von Sand und Kalksteinsplittern angefüllt, die von Sturzfluten hineingespült worden sind. Plötzlich zeigt Muhammad auf eine Lücke in der Geröllwand vor uns. Ich richte den Strahl meiner Taschenlampe in den Spalt: nichts als Schwarz. Eigentlich müsste sich das Licht an der Wand brechen. Wir kriechen vorwärts durch einen etwa drei Meter breiten, 30 Meter langen Gang. "Was ist das denn?", fragt Muhammad plötzlich und fängt an, eine Sure zu murmeln. Als wir mit unseren Lampen in die angezeigte Richtung leuchten, wird schemenhaft eine menschliche Gestalt sichtbar.

Zentimeter für Zentimeter schieben wir uns näher heran, bis wir die Figur erkennen können: eine 1,50 Meter große Statue, mit graugrün bemaltem Stuck überzogen. Zwar fehlt das Gesicht, doch uns ist sofort klar, dass es sich hier um Osiris, den wichtigsten Gott des Jenseits, handelt.

In den folgenden Wochen und Monaten legen wir nach und nach Gänge, Schächte und Räume eines ausgedehnten Grabsystems frei. Nein - Schätze enthält KV 5 nicht. Aber es erweist sich schließlich als das größte Grab, das je im Tal der Könige gefunden worden ist. Es ist ein Familienmausoleum, die Grabstätte vieler Söhne von Ramses II. Die hier gefundenen Artefakte und Hieroglyphen werden uns voraussichtlich neue Erkenntnisse über einen der mächtigsten Herrscher der Antike geben.


(NG, Heft 10 / 2001)
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