An meinem zweiten Tag in Palo Alto erlebe ich ein kleines Erdbeben. Die Nachttischlampe wackelt, mehr passiert zum Glück nicht. Doch es erinnert mich daran, dass durch diesen Teil von Kalifornien die berühmte San-Andreas-Verwerfung verläuft. Jim Calzia, ein Geologe des U. S. Geological Survey, nimmt mich ein paar Tage später mit zu diesem Graben. Das Längstal liegt wie ein flacher grüner Trog in der Landschaft. Innerhalb der nächsten 30 Jahre soll sich hier The Big One, das Große Erdbeben, ereignen. Calzia meint, es könne die Stärke 7 auf der Richter-Skala erreichen: die absolute Katastrophe. "Und warum wohnen die Leute immer noch hier?", frage ich ihn. Der Wissenschaftler kann sein Lächeln kaum unterdrücken: "Braucht es nicht immer etwas Glück im Leben?"
Das Silicon Valley lebt vom Risiko. Schon seit 1933 geht es hier, wenige Kilometer südlich von San Francisco, nur darum, mit neuen Ideen und Erfindungen aufzuwarten. Damals betreute Frederick Terman, Professor für Technik an der Stanford-Universität, zwei Studenten namens Bill Hewlett und Dave Packard. Die beiden gründeten später die Hewlett-Packard Company, einen der größten Computerkonzerne weltweit und Pionier unter den High-Tech-Unternehmen.
Seit dieser Zeit ist das Silicon Valley ein Magnet für die klügsten Köpfe aus allen Ländern. Zwei große Hochschulen, die Stanford-Universität und die Universität von Kalifornien in Berkeley, sind ihr intellektuelles Kapital. Die Namen der hier Arbeitenden lesen sich wie ein Who's who der Technologiebranche, und Hunderte Graduierte wollen Hewlett und Packard nacheifern. Im Jahr 2000 lebten hier laut dem Magazin Forbes 43 der 400 reichsten Amerikaner. Ihr geschätztes Privatvermögen: 184 Milliarden Dollar. Wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, kamen jeden Tag 60 neue Millionäre hinzu. Das Fieber um die Dot-com-Internet-Firmen machte Menschen reich wie beim Lotto; Sekretärinnen verkauften ihre Firmenanteile und fuhren im neuen Porsche weg.
Und dann das: Der Dot-com-Markt ist plötzlich im freien Fall. Die Internet-Zeitschrift Industry Standard zählte von Dezember 1999 bis Spätsommer 2001 insgesamt 139643 Dot-com-Pleiten - bis das Kultblatt der New Economy selber einging und vor einem Konkursgericht verramscht wurde. Berichte vom Niedergang sind jedoch verfrüht. Die jüngsten Pleiten im Silicon Valley sind Teil des Lernprozesses.
"Es ist in Ordnung, nobel zu scheitern", erklärt mir Tom Melcher, der gerade dabei ist, ein Unternehmen aufzubauen. "Scheitert man im Osten Amerikas, ist man ein Verstoßener. Hier gilt das nicht." Das Silicon Valley, das ist eine Welt auf dem Sprung in die Zukunft - vielleicht ist es sogar die Zukunft selbst. Aber so viele bleiben auf der Strecke. Dieser Widerspruch verwirrt mich ebenso, wie die Gefahr von Erdbeben in dieser einzigartigen Region mich beunruhigt.
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