Über dem Hafen von Bitung auf Celebes (Sulawesi) bricht die Nacht unvermittelt herein. Im Flüchtlingslager, einer alten Rattan-Fabrik, ist es heiß und stickig wie in einem Terrarium. Eine Gruppe von Christen hat sich im grellen Schein einer Glühbirne versammelt. Sie stammen von Ternate, einer Molukkeninsel nicht weit entfernt. "Die Muslime haben unsere Häuser in Brand gesteckt!", klagt einer. Ein anderer ergänzt: "Unsere Leute sind abgeschlachtet worden. Einfach so!" Solche Gewaltausbrüche sind neu auf Ternate. Jahrzehntelang haben Muslime und Christen auf den "Gewürzinseln" friedlich zusammengelebt. Bis zum Januar 1999, als dort ein atavistischer Krieg ausbrach. Tausende von Menschen haben schon ihr Leben verloren, eine halbe Million sind entwurzelt.
In vielen Teilen von Indonesien ist die Situation ähnlich wie auf Ternate. Mit dem Abgang des korrupten, von Günstlingen durchsetzten Suharto-Regimes hatte 1998 auch die staatliche Kontrolle ein Ende, mit der gesellschaftliche Unruhen eisern unterdrückt worden waren. Allerorten brodeln religiöse und ethnische Konflikte. "Der Korken ist raus aus der Flasche", sagt ein westlicher Diplomat. "Und die Weltanschauungen stoßen wie tektonische Platten aufeinander."
Indonesien ist so heterogen, wie ein Land nur sein kann. Es erstreckt sich über 5000 Kilometer und umfasst rund 6000 bewohnte Inseln mit 225 Millionen Menschen. Damit liegt es unter den bevölkerungsreichsten Ländern an vierter Stelle. 300 ethnische Gruppen sprechen ihre eigenen Sprachen, und alle Weltreligionen sind vertreten: Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus . Der Inselstaat hat die größte muslimische Bevölkerung der Welt: 198 Millionen Menschen bekennen sich zum Islam, das sind 88 Prozent der Einwohner.
Indonesien droht auseinander zu brechen. Viele Regionen Indonesiens, wie Ost-Timor, aber auch größere und reichere Landesteile wie die westlichste Provinz Aceh auf Sumatra, leiden an ihrer peripheren Lage und an der Ballung von Macht und Reichtum auf Java. Der Unmut über diese Dominanz schürt separatistische Feuer - auch in Regionen, die für den Wohlstand des ganzen Landes von erheblicher Bedeutung sind wie zum Beispiel die ölreiche Provinz Riau auf Sumatra und Irian Jaya, wo Gold und Kupfer abgebaut werden.
Seit den späten achtziger Jahren hat ein starker Anstieg bei Mord, Vergewaltigung und anderen Menschenrechtsverletzungen, hinter denen das Militär stehen soll, die Wunden weiter vertieft. Bei einem Online-Chat des Nachrichtendienstes Astaga!com in Jakarta wollte kürzlich ein Teilnehmer vom Vizemarschall der Luftwaffe, Graito Usodo, wissen: "Wie fühlen sich Soldaten, wenn sie ihr eigenes Volk foltern und töten?" Die Antwort: "Gefühle spielen da nicht mit." Als er später gefragt wird, ob er aus den Fragen gelernt hat, schweigt er höflich.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus