Japans Kaiserpalast

Artikel vom 01.01.2001  —  Autor: Robert M. Poole

Der japanische Kaiserpalast, ein imposanter Komplex aus dem 17. Jahrhundert, liegt inmitten einer 115 Hektar großen Grünfläche im Herzen Tokios. Mit seinen weitläufigen Gartenanlagen, den tiefschwarzen Wassergräben und den einschüchternden Wachtürmen verleiht er der dynamischen Hauptstadt einen Hauch von majestätischer Würde. Hier lebt Kaiser Akihito, Japans 125. Monarch. Gemäß der japanischen Verfassung hat der Kaiser eine ausschließlich symbolische Funktion. Mit seinem Wirken setzt er sich für die Wahrung der Tradition und die Einheit der Nation ein. Als oberste moralische Instanz hält er sich aus der Politik fern.

Der Palast erinnert den Betrachter an die Blütezeit der japanischen Kultur. Er steht für den bis heute währenden Einfluss der kaiserlichen Familie, die seit annähernd 2000 Jahren Japans Monarchen stellt. Damit ist der Clan des Tenno die am längsten regierende Dynastie der Welt - symbolisiert durch das kaiserliche Familienwappen der Chrysantheme. Bevor 1869 der Meiji-Herrscher von Kioto in den Edo-Palast nach Tokio umzog, diente der Komplex den legendären Tokugawa-Shogunen als Festung. Jenseits des Wassergrabens bemühen sich die Menschen um Bescheidenheit, Natürlichkeit und Harmonie. Jeder - selbst der Kaiser - vermeidet Disharmonie oder ein auffallendes Auftreten.

Schätzungsweise 1000 Menschen, der Tradition gemäß vorwiegend Männer, sind mit den Palastgeschäften betraut. Sie bereiten hinter den Kulissen Staatsbankette vor; sie hüten die Tradition höfischer Bräuche - die Kormoranfischerei, die Lyrikwettbewerbe zum Neujahrsfest, die Kunst des gagaku.

Mitglieder des Elitekorps der Polizei patrouillieren - Lanze und Schild gefechtsbereit - vor den Toren des Palasts. Die Palastgärten sind, wie der Central Park in New York, eine grüne Insel inmitten einer Betonwüste und ein Refugium für rund 65 Vogelarten. Die außergewöhnliche Bonsaisammlung des Kaisers besteht aus rund 350 Bäumen.

Einige Journalisten meinen, hinter dem "Chrysanthemen-Vorhang" verberge sich ein sehr konservatives, seltsames Völkchen, das nichts anderes zu tun hat, als zu beten", sagt Watanabe, der Privatsekretär und Vertraute des Tenno. "Andere sind der Meinung, wir leben hier sehr fortschrittlich. Genau genommen stimmen beide Vorstellungen."


(NG, Heft 1 / 2001)
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