Marco Polo - Die Heimreise

Artikel vom 01.07.2001  —  Autor: Mike Edwards

Eine Flotte aus 14 Dschunken zog schwerfällig durch das Südchinesische Meer. Sie wurde von einem aus Nordost wehenden Monsun Richtung Äquator getrieben. Es waren große Schiffe für die damalige Zeit, 30 Meter und länger, mit vier Masten und mit Rudern, die von vier Männern bedient werden mussten.

Jedes Schiff konnte bis zu ein Dutzend Segel setzen, die wahrscheinlich Rahen aus Bambusstäben hatten, welche in der Brise klappernd gegeneinander schlugen. An Bord einer dieser Dschunken war Marco Polo, der sich zusammen mit seinem Vater Niccolò und seinem Onkel Maffeo auf dem Heimweg nach Europa befand. Wahrscheinlich schrieb man das Jahr 1291 oder 1292 - genaue Datumsangaben waren Marco Polos Stärke nicht.

Nach etwa 17 Jahren in China drängte es die Polos, in ihre Heimat zurückzukehren. Marco war jetzt um die 37, Vater und Onkel gingen auf die 70 zu. Mehrmals, erzählt er, hatten sie ihren Schutzherrn, den mongolischen Kaiser Kublai Khan, gebeten, ihnen die Abreise zu gestatten. Kublai Khan zeigte sich lange widerstrebend; er trennte sich ungern von diesen Europäern, die an seinem Hof eine Besonderheit darstellten. Als sie endlich seine Erlaubnis hatten, machten sie sich unverzüglich auf den Weg. Sie waren wohlhabende Männer geworden. Kublai Khan hatte sie mit Geschenken überhäuft, nicht nur mit Juwelen, er hatte ihnen auch zwei goldene Täfelchen von der Größe einer Männerhand überreicht. Diese paizi, eine Art Pass, wiesen die Beamten der mongolisch verwalteten Gebiete an, den Polos alles zur Verfügung zu stellen, was sie für ihre Reise und ihren Komfort benötigten.

Ich bin der großen asiatischen Odyssee der Polos auf einer Strecke von mehr als 10000 Kilometern gefolgt - durch die Wüsten des Iran und über die Berge Afghanistans , zum sagenumwobenen Xanadu und in die pulsierenden Städte Chinas. Kein Teil ihres Unternehmens muss so sehr Tortur gewesen sein wie die Reise von Quanzhou in Südchina nach Hormus am Persischen Golf: eine 10500 Kilometer lange Strecke, für die sie mehr als zwei Jahre brauchten. Erst im 16. Jahrhundert hat der Gelehrte Giambattista Ramusio niedergeschrieben, was sich die Leute über die Polo erzählten. Demnach wurden sie in ihrer 24-jährigen Abwesenheit für tot erklärt.

Als sie 1295 nach Hause zurückkehrten, erkannten ihre Angehörigen die Männer nicht wieder. Sie waren in Lumpen gekleidet und verströmten, so Ramusio, "ein gewisses unbeschreibliches Flair von Tataren, sowohl in ihrer Erscheinung als auch in ihrem Akzent". Aber dieses heruntergekommene Trio hatte bald darauf einen triumphalen Auftritt: Vor versammelter Verwandtschaft rissen die Heimkehrer die Säume ihrer schäbigen Kleider auf - und zum Vorschein kamen Rubine, Diamanten und Smaragde in großer Zahl. "Ganz Venedig ", berichtet Ramusio, "eilte zu ihrem Haus, um sie zu umarmen."


(NG, Heft 7 / 2001)
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