Duan Qingbo steht in der Restaurierungswerkstatt des Museums der Terrakottaarmee in Xi'an. Der chinesische Archäologe betrachtet eine Skulptur, deren Ausgrabung er 1999 geleitet hat. Die mannsgroße Figur ist mehr als 2200 Jahre alt.
Dem nackten, stämmigen, muskulösen Oberkörper fehlt der Kopf. Niemand weiß genau, wen die Terrakottafigur darstellt und was für einen Gegenstand sie an ihren imposanten Bauch drückt; es gibt allenfalls Indizien. In China wurde bisher noch nie eine Statue in Lebensgröße gefunden, die so alt ist. Die gesamte menschliche Gestalt ist bis ins Detail realistisch dargestellt.
Die Tonfigur gehört zu den aufsehenerregenden Funden, die in jüngster Zeit in der Nähe des Grabhügels gemacht wurden, in dem der Erste Kaiser ruht, der Herrscher, der China unter der Qin-Dynastie zu einem Reich vereinte. Duan zeigt auf die Wölbung des Trizeps und das feine Spiel der Rückenmuskulatur. "Sehen Sie nur diese Muskeln und Knochen", sagt er. "Bisher haben wir immer geglaubt, die chinesischen Bildhauer seien damals nicht in der Lage gewesen, den menschlichen Körper realistisch darzustellen." Ich bin seit einer Woche in Xi'an, um mir ein Bild von der Frühphase des chinesischen Kaiserreichs zu machen. In der Region der heutigen Provinz Shaanxi errichteten die Herrscher der ersten beiden Dynastien ihre Hauptstädte - geschützt durch den Gelben Fluss im Osten und das Qinling-Gebirge im Süden.
Die Qin-Kaiser herrschten hier von 221 bis 207 v. Chr. Nach ihrem Untergang kam die Westliche Han-Dynastie an die Macht, deren Kaiser bis zum Jahr 9 n. Chr. regierten. Heute erforschen Archäologen diese Dynastien. Sie legen die Grabanlagen des Ersten Kaisers (Qin Shi Huangdi) und von Kaiser Jing (Han Jingdi) frei. Letzterer regierte als vierter Kaiser der Westlichen Han von 157 bis 141 v. Chr. Das Jenseits galt beiden als Fortsetzung des irdischen Lebens.
Den Wissenschaftlern bietet sich daher die Chance, ein Fenster zur Vergangenheit zu öffnen - und zu erahnen, was diesen Herrschern und ihrer Kultur wichtig war. Ich denke aber auch an die Menschen, die vor vielen Jahrhunderten all diese Grabanlagen schufen - Handwerker, Architekten, einfache Arbeiter. Irgendwo dazwischen liegt der Schlüssel zu einer ganzen Zivilisation.
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