Fünf Jahre lang suchte die Familie von Matthias Foitzik, bis sie wusste, wo sie wohnen wollte. "Wir sind Stadtmenschen, aber wir wollen auch, dass unsere Kinder draußen spielen können", sagt der 35-jährige Architekt. Wir sitzen direkt an der Fulda im Café Goltz, der neuen Nachbarschaftskneipe von Kassel-Unterneustadt. Ein paar Meter entfernt hat Foitzik ein Haus für sechs Parteien gebaut, allesamt Freunde. Davor wird es keinen motorisierten Verkehr geben, denn die Anwohner der Christophstraße verzichten auf eigene Autos. Er freut sich schon lange auf diesen Sommer: "Wir werden mit den Nachbarn Tische vor die Tür stellen und draußen frühstücken. Die Straße wird unser öffentlicher Raum sein."
Foitziks Wohnprojekt ist eines der ehrgeizigen Vorhaben in der Unterneustadt. Ein Bombenangriff in der Nacht zum 23. Oktober 1943 hinterließ vom Kern dieses gründerzeitlichen Viertels nur ein fünf Hektar großes Ruinenfeld. Später diente es als Parkplatz und Kirmesgelände. Jetzt entsteht hier ein Quartier mit 600 Wohnungen - eine neue Altstadt. "Wir greifen den historischen Grundriss des Viertels auf und knüpfen an die alte kleinteilige Parzellenstruktur an", erklärt Christan Kopetzki, Professor für Stadtplanung an der Gesamthochschule Kassel, und zeigt die Sternstraße hinunter. Dicht an dicht stehen hier die farbenfrohen Stadt- und Mehrfamilienhäuser. Keines ist wie das andere.
Die Projektentwicklungsgesellschaft Kassel-Unterneustadt (PEG) vergab das Vorhaben nicht an einen Investor, sondern ließ den zahlreichen Bauherren viel freie Hand. So wie es früher üblich war. Eckhard Jochum von der PEG: "Wir besinnen uns auf das Alte und bekommen so hoffentlich ein sozial funktionierendes Viertel."
1500 Menschen werden in der neuen Unterneustadt leben. Ein Wohngebiet auf der grünen Wiese für ebenso viele Menschen würde etwa den vierfachen Platz beanspruchen. Entsprechend sieht es am Rand vieler Städte und Dörfer aus: eintönige Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen, dazu Tankstellen, Einkaufszentren, Baumärkte, Parkplätze - Sektoren der automobilen Gesellschaft. Suburban Sprawl, die Suburbanisation, ist auch in Deutschland ein weithin zu beobachtendes Phänomen. Mehr als täglich 120 Hektar Land werden für neue Siedlungen und Verkehrsflächen verbraucht. Obwohl die Bundesregierung sich nach dem Umweltgipfel von Rio 1992 dazu verpflichtete, den Flächenfraß bis 2010 radikal einzudämmen.
Mehr Informationen über die Urbanisation und Entwicklung der Städte in Deutschland erhalten Sie auf den Internetseiten des Deutschen Instituts für Urbanistik, des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung und beim Deutschen Städtetag.
In den USA ist der Flächenfraß und der Raubbau an der Natur besonders ausgeprägt. Weitere Einzelheiten über die Auswirkungen des Urban Sprawl finden Sie in unserem Beitrag Stadt ohne Grenzen .
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