Der ganze Himmel glühte. Gelbgrüne Kaskaden fielen zum Horizont herab. Direkt über mir entfaltete sich ein Fächer aus karminroten Strahlen - sie wurden breiter, leuchteten erst stärker, dann schwächer. Ich schaute in das Herz einer großartigen Lichtblume, deren Blätter sich wie in einem sanften Wind wiegten, in einer Brise aus dem All. Aurora borealis nennen die Forscher dieses nördliche Polarlicht. Es erhellte vor mehr als zehn Jahren den Nachthimmel über meiner Heimat im schottischen Hochland. Knapp eine Stunde dauerte das Spektakel. Mir kam es wie Zauberei vor - obwohl ich wusste, dass die Wissenschaft das Rätsel des Polarlichts längst entschlüsselt hatte: Von der Sonne ausgestrahlte, elektrisch geladene Teilchen bringen die Gasschichten der oberen Atmosphäre zum Leuchten.
Tausende Kilometer entfernt beobachtete Charles Deehr, Geophysiker an der Universität von Alaska in Fairbanks, in jener Nacht das Naturschauspiel. "Das Polarlicht vom 13. zum 14. März 1989", sagt er, "gehört wohl zu den eindrucksvollsten der letzten 50 Jahre." Als ich Alaska im März 2001 besuche, hat wieder eine Periode starker Polarlichtaktivität eingesetzt. Deehr, ein drahtiger Mann in den Sechzigern, verknüpft Wissenschaft mit Hellseherei: Er sucht in Datenströmen, die von erdnah kreisenden Satelliten übermittelt werden, nach charakteristischen Mustern.
Der Forscher hofft, Polarlichterscheinungen ein oder zwei Tage vorhersagen zu können. Das Polarlicht im Jahr 1989 überraschte durch die ungewöhnlich große Ausdehnung. Normalerweise lassen sich Polarlichter nur in höheren Breiten, also jenseits des 60. Breitengrads beobachten. Dieses aber war weit im Süden zu sehen, sogar in Florida und über der mexikanischen Halbinsel Yucatán .
90 Sekunden nachdem die Aurora den Himmel über Québec erreicht hatte, ließ der begleitende Magnetsturm die Stromversorgung dieser kanadischen Provinz vollständig zusammenbrechen. Auf einen Magnetkompass war kein Verlass mehr, elektrisch betätigte Garagentore öffneten und schlossen sich von alleine. Die Funkverbindungen und die Datenübermittlung von Satelliten waren unterbrochen, die Navigationssysteme an den Küsten versagten.
Das Ausmaß der Störungen wie in Kanada zeigt, wie dringend notwendig es in einer von elektronischem High Tech geprägten Zeit ist, eine gute Vorhersage der Polarlichter zu entwickeln und deren Ursachen und Wirkungen zu erforschen. "Die gegenwärtigen Satellitenexperimente sind gewaltige Fortschritte", sagt Asgeir Brekke, seit mehr als 30 Jahren Physiker am Observatorium im norwegischen Tromsø und Experte für die Folklore rund ums Polarlicht. "Die faszinierenden Bilder von den Polarlichtovalen um die magnetischen Pole schlagen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst. Auch wenn man als Forscher objektive Distanz wahren soll, inspiriert das Nordlicht doch eigentlich jeden."
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