Meine Recherchen beginnen im Ägyptischen Museum in Kairo, wo ich mir die Ramses-Mumie ansehen will. Sie liegt im zweiten Stock in einer Vitrine, zugedeckt mit dunklem Samt. Doch ein Angestellter bedeutet mir, dass ich eine Sondergenehmigung brauche, um mir die Überreste anzusehen. Und das könne eine Weile dauern. Also starte ich zur Reise auf den Spuren des großen Königs. Nirgendwo demonstrierten die Herrscher ihre Rolle ehrfurchtgebietender als in Theben, der religiösen Hauptstadt des Landes. In den heiligen Bezirken von Karnak und Luxor wetteiferten die Herrscher darum, die Monumente ihrer Vorgänger zu übertreffen.
Ich frage mich, was der junge Ramses empfunden haben mag, als er Karnak mit seinem Vater, Pharao Sethos I., besuchte. Wie muss er an den gewaltigen Pylonen und Statuen emporgeschaut haben, im Wissen, dass auch er ein Gott und Vermittler zwischen der Welt der Götter und den Menschen sein würde. Von ihm vollzogene Rituale würden die Sonne aufgehen, den Nil über die Ufer treten und das Land bewässern lassen.
Nachdem Ramses Pharao geworden war, startete er ein verschwenderisches Bauprogramm. Er ließ seinen eigenen Tempel in Abydos fertigstellen. In Abu Simbel - tief im Süden - ließ er vier 20 Meter hohe Sitzstatuen von sich in den Felsen meißeln und dahinter einen Tempel 60 Meter tief in den Fels treiben. Die Wände sind mit Reliefs der Heldentaten von Kadesch geschmückt, wo Ramses' Heer 1274 v. Chr. gegen die Hethiter, Erzfeinde der Ägypter, kämpfte. An einem benachbarten Steilhang ließ er einen zweiten Tempel zu Ehren seiner Lieblingsgemahlin errichten, vor dem zwei Statuen von Nefertari und vier weitere von ihm selbst stehen. Im östlichen Nildelta, ganz im Norden, entstand seine Hauptstadt Piramesse. Seit vielen Jahren forscht hier der deutsche Archäologe Edgar Pusch aus Hildesheim. Er zeigt mir Formen für Schilde sowie Werkstätten für Streitwagen und Waffen, die er gefunden hat.
Sie deuten darauf hin, dass Hethiter und Ägypter hier eine gemeinsame militärische Ausbildung erhielten und in Produktionsstätten Seite an Seite arbeiteten. Der im Jahr 1258 v. Chr. vorangegangene Friedensschluss war wohl eine der größten politischen Leistungen Ramses' II.
An unserem letzten Tag in Ägypten bekommen Fotograf Louis Mazzatenta und ich endlich die Erlaubnis der Ägyptischen Altertümerverwaltung, Ramses' Mumie anzusehen. Im Ägyptischen Museum hebt Nasri Iskander, der zuständige Direktor, den dunklen Samt von der Vitrine. Ich schaue in ein braunes und wie gemeißelt aussehendes Gesicht mit stolzer Adlernase. Die Haarsträhnen sind vermutlich von seinen Balsamierern rötlich gefärbt. Die Arme liegen über der Brust gekreuzt. Ramses der Große: Noch lange sehe ich das Gesicht des Pharaos vor mir.
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