Es ist traurig: Aus der Luft sehen die tiefen Lücken in den Klippen von Abu Simbel aus, als wären dort zwei gigantische Zähne herausgerissen worden. Während mein Flugzeug an diesem glühend heißen Tag über dem Nassersee kreist, trifft mich der Verlust wie ein Stich. Vor knapp vier Jahren standen hier noch die beiden kolossalen Tempel des Gottkönigs Ramses II . - und jetzt stellen ein paar einsame Fischer dort, wo vor gut 3200 Jahren glanzvolle Zeremonien und Prozessionen abgehalten wurden, den Katzenwelsen nach. Doch der zweite Blick entschädigt mich. Als hätte jemand einen gigantischen Taschenspielertrick vollführt, erscheinen die Monumentalskulpturen aus dem Neuen Reich plötzlich ein paar Meter höher auf dem Felsplateau. Es wirkt, als wären sie samt der sie umgebenden Klippen wiedererstanden - gerettet vor dem Wasser, nachdem südlich der Assuan-Staudamm gebaut worden war.
Der Abbau und die Wiedererrichtung der beiden jahrtausendealten Ramses-Tempel ist der wohl spektakulärste Umzug in der Geschichte der Menschheit. Er begann am 16. November 1963, als die ägyptische Regierung einen Vertrag mit einem Konsortium von Baufirmen schloss. Mit dabei die Firma Hochtief aus Essen. Eine gewaltige Aufgabe lag vor ihnen. Die vier Kolossalstatuen des sitzenden Pharaos an der Fassade des Großen Tempels ragten mehr als 20 Meter hoch auf. Ein paar Meter entfernt stand vor dem Kleinen Tempel noch einmal Ramses mit den beiden gut zehn Meter hohen Statuen seiner Lieblingsfrau Nefertari. Und dann natürlich die Tempel selbst: Sie waren die letzten der bedrohten Monumente oberhalb des Assuan-Staudamms, die verlegt wurden. Das Projekt entwickelte sich zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen die Fluten - drei Monate vor dem spätest möglichen Zeitpunkt wurde es schließlich gewonnen.
Der Rettungsplan sah vor, zunächst Hunderttausende Tonnen Gestein rund um die beiden Bauwerke abzutragen. Diese sollten dann in 1050 Blöcke von jeweils bis zu 33 Tonnen Gewicht zerlegt werden, um sie später gut 200 Meter vom bisherigen Nilufer entfernt wieder zusammenzufügen. Am 4. Januar 1966 setzten die Bauingenieure den ersten Stein des Großen Tempels an seinen neuen Platz.
Abu Simbel wird nie mehr so wirken wie früher - und doch ist dieses Bauwerk um eine Dimension reicher geworden. "Niemand weiß, wie viele Menschen einst wie lange schuften mussten, um die Monumente aus dem Fels zu hauen", sagt Sergio Frascarelli, einer der beteiligten Ingenieure. "Aber wir wissen, dass 4000 Menschen ein Jahr lang arbeiten mussten, um sie aus dem Fels zu befreien, dort hinauf zu transportieren und für die Nachwelt zu bewahren. Diese 4000 Jahre menschlicher Arbeitszeit haben die Tempel nicht nur vor der Vernichtung bewahrt, sondern auch wertvoller gemacht. Abu Simbel war ein Wunder des Altertums. Jetzt ist es auch ein modernes Weltwunder."
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