Roma - die Außenseiter

Artikel vom 01.04.2001  —  Autor: Peter Godwin

Am 24. Mai erlebt Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, ein 2500-Seelen-Städtchen in der französischen Camargue, wie jedes Jahr die Invasion von etwa zehntausend Roma. Aus ganz Europa reisen sie an, um ihrer Schutzheiligen, der Schwarzen Sarah, zu huldigen. Sie gilt zwar nicht als richtige Heilige, doch es ist wohl kein Zufall, dass ein Volk von ewigen Außenseitern eine Migrantin zur Schutzpatronin hat.

Die Bürger von Les-Saintes-Maries sind nicht gerade begeisterte Gastgeber der gitans, wie die Roma hier genannt werden. Manche Händler haben sogar ihre Läden dichtgemacht und die Stadt verlassen. In diesem Jahr wurden ein Sonderkommando von 200 Polizisten sowie ein Hubschrauber aus Montpellier hierher verlegt. Der Bürgermeister hat eine Pressekonferenz anberaumt, um von den Verwüstungen zu berichten, die bei früheren Wallfahrten angerichtet wurden - an denen fast ebenso viele Touristen wie Roma teilgenommen hatten.

Die Angst der Sesshaften vor den Nomaden ist uralt. Moderne Meinungsumfragen bestätigen, dass sich daran wenig geändert hat. Die feindselige Haltung gegenüber den Roma gibt es, seit sie im 14. Jahrhundert erstmals in Europa auftauchten. Die Kirche verurteilte ihre Wahrsagerei als ketzerisch, der Staat sah in ihrem Nomadentum ein sozialfeindliches Verhalten. Immer wieder wurde ihnen untersagt, ihre charakteristischen bunten Kleider zu tragen, ihre Sprache zu sprechen, zu reisen, untereinander zu heiraten oder ihre traditionellen Handwerke auszuüben. Etwa eine halbe Million Sinti und Roma wurden beim Holocaust umgebracht, den sie porraimos nennen - die große Vernichtung. Im Verlauf der Geschichte sind sie immer wieder Pogromen ausgesetzt gewesen.

Doch die Roma haben alle Prognosen über ihr Verschwinden als eigenständige ethnische Gruppe widerlegt. Ihre Zahl ist gewachsen: Heute leben zwischen acht und zwölf Millionen über ganz Europa verstreut. Sie sind die größte Minderheit des Kontinents. Hunderttausende Roma sind nach Nord- und Südamerika und in andere Erdteile ausgewandert. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie nie den ausdrücklichen Wunsch nach einem eigenen Staat geäußert - anders als die Juden, mit deren Schicksal ihre Geschichte oft verglichen wird. "Romanistan", sagt Ronald Lee, ein kanadischer Roma und Schriftsteller, "ist dort, wo meine Füße stehen." Den Roma-Gemeinschaften auf der ganzen Welt fehlte jede zentralisierte Hierarchie - einer der Gründe, weshalb sie so leicht zu unterdrücken waren. Aus demselben Grund gelang es jedoch auch nicht, sie zu vernichten.


(NG, Heft 4 / 2001)
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