Das Mathematische Institut in Akademgorodok ist ein langer, vierstöckiger Monolith. Von außen sieht er nicht viel anders aus als in seiner sowjetischen Glanzzeit. Damals verkörperte er die intellektuelle Macht des kommunistischen Regimes. Akademgorodok, das "Akademikerstädtchen", wurde 1958 in Sibirien gegründet. Die Forschungen, die hier und an Dutzenden anderer Institute betrieben wurden, bildeten das Fundament für den militärisch-industriellen Komplex. Sie trugen dazu bei, die UdSSR zur Supermacht zu machen. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden Akademgorodok und sein Mathematisches Institut zu einem Symbol ganz anderer Art: für den Niedergang der russischen Wissenschaft und den Zerfall eines großen Landes. Die staatlichen Mittel wurden drastisch gekürzt, die verarmten Forscher wanderten ins Ausland ab oder kehrten der Wissenschaft den Rücken. Russland erlebte einen enormen Verlust an geistigem Potenzial.
Heute allerdings, zehn Jahre nach dem Kollaps der UdSSR, sind im Mathematischen Institut Anzeichen einer faszinierenden Veränderung zu spüren. Der lange, dunkle Korridor, durch den ich gehe, strahlt mit seinen senfgelben Wänden und dem abgetretenen Linoleumboden zwar noch die sowjetische Schäbigkeit aus, die mir als Moskau-Korrespondent in der Ära Gorbatschow vertraut war. Bald jedoch komme ich in einen anderen Gebäudeteil, in eine völlig andere Welt.
In frisch renovierten Büros mit weiß gefliesten Böden sitzen junge Mitarbeiter, zum größten Teil unter 30, hinter hellen Schreibtischen an ihren Computern. Andere entspannen sich in einem Aufenthaltsraum mit Topfpflanzen und einem kleinen Wasserfall. Ich bin bei einer Softwarefirma mit 500 Beschäftigten. Das Unternehmen Nowosoft, 1992 gegründet, verzeichnet seit 1998 explosive Wachstumsraten und ist nur eine von zahlreichen High-Tech-Firmen, die in den Forschungsinstituten von Akademgorodok entstanden sind.
Aber noch sind erfolgreiche Unternehmen nur Inseln in einem Meer der Stagnation. Es ist eine geradezu herkulische Aufgabe, Russland in eine Bürgergesellschaft mit einer effizienten Marktwirtschaft umzugestalten. Es ist nicht damit getan, diesem schwer regierbaren Land einfach nur westliche Modelle aufzupfropfen. "Es wird mindestens drei Generationen dauern, bis unsere Wirtschaft gut funktioniert," sagt Dmitri Trenin vom Carnegie Center, einer Moskauer "Denkfabrik": "Noch haben wir zweieinhalb Generationen vor uns."
Wladimir Wastschenko, 36 Jahre und Mitgründer von Nowosoft, blickt nach vorn: "Was man von der Zukunft erwartet, hängt in erster Linie vom Alter ab", sagt er. "In unserem Alter erhofft man sich mehr. Die meisten Institute in Akademgorodok werden von Leuten geleitet, die älter als 50 sind. Sie bauen noch immer auf Hilfe vom Staat. Wir bauen nur noch auf uns selber. Wir wissen, wie man Geld verdient. Früher oder später wird die Wachablösung kommen. Und wenn wir erst an die Stelle der Alten getreten sind, wird es mit Russland bergauf gehen."
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