Russlands eisiges Inferno

Artikel vom 01.08.2001  —  Autor: Jeremy Schmidt

Als der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller 1740 auf die russische Halbinsel Kamtschatka kam, erhielt er von den einheimischen Itelmen erst mal einen Intensivkurs ganz besonderer Art. Die Vulkanausbrüche werden von gomuls verursacht, so erzählten sie Steller - von Erdgeistern, die in den Kraterhöhlen der Vulkane lauern. Wenn sie hungrig sind, verlassen sie ihren Vulkan und jagen Wale im Ozean, greifen mit ihren riesigen Lanzenfingern nach den Tieren und schleppen sie zum Fressen in ihre Behausung. Wenn die gomuls auf mächtigen Feuern Berge von Walfleisch rösten, steigen Wolken von Rauch und Dunst zum Himmel auf. Dann ergießt sich kochend heißes Walfett in Strömen die Abhänge herunter. Die Erde bebt, und Walknochen wirbeln durch die Lüfte. Erst wenn die gomuls besänftigt sind, verfällt der Vulkan wieder in dampfendes Schweigen.

Mehr als 260 Jahre nach Stellers Expedition ist Kamtschatka noch immer ein heißes, unsicheres Stück Erde. Die 1200 Kilometer lange, wie ein Krummsäbel gebogene Halbinsel wird oft von gewaltigen Eruptionen erschüttert. Zu dieser Kette von Vulkanen - von den mehr als 100 sind 29 aktiv - gehören die unberechenbarsten Schlote der Welt.

Aus dem größten, der Kljutschewskaja Sopka, ergießen sich durchschnittlich 55 Millionen Tonnen Basalt im Jahr. Im letzten Spätsommer verbrachte ich einen Monat auf Kamtschatka - mit einem Team, zu dem die französischen Forscher Franck Tessier und Irène Margaritis, der deutsche Fotograf Carsten Peter und der russische Reiseleiter Fjodor Farberow gehörten. Zusammen machten wir uns auf die Suche nach Vulkanausbrüchen.

Peter hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Vulkane zu fotografieren. Je näher er herankommt, desto mehr gefällt es ihm. Ganz anders der 39-jährige Russe: Als Sohn eines Vulkanologen-Ehepaars wuchs er in einem Dorf am Fuß der Kljutschewskaja Sopka auf.

Mit den Gefahren und Widrigkeiten der Vulkanforschung ist er also vertraut. Zu Hause "war alles von Vulkanasche bedeckt", erinnert er sich. "Unser Wasser, unsere Luft, selbst unser Essen - alles schmeckte und roch nach Schwefel."


(NG, Heft 8 / 2001)
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