Ein abgelegenes Dorf in Hessen. Es ist das Jahr 1951. Der Raum ist kalt und dunkel. Aber als kleinem Jungen, im Bett zwischen meine Eltern gekuschelt, macht mir die Armseligkeit des Zimmers, das als Küche, Schlaf- und Wohnraum dient, nichts aus. Im Dunkeln lausche ich der sanften, traurigen Stimme meines Vaters, die Bilder von endlosen Winterlandschaften heraufbeschwört: Er und andere Soldaten kämpfen sich durch Schneestürme, und die Menschen verstecken sich vor ihnen in Scheunen und Ställen. "Vati, in deinen Erzählungen sind die Leute nie böse. Warum hast du gegen sie gekämpft?", frage ich. "Es war Krieg, mein Junge..." Erst als ich älter wurde, erkannte ich die schreckliche Wahrheit - die Landschaften waren blutgetränkt, die Soldaten dem Tod geweiht, die Leidtragenden angsterfüllte Russen. Ich begann zu begreifen, dass mein Vater mir nicht nur Gutenachtgeschichten erzählte, sondern versuchte, sich seine grauenhaften Kriegserinnerungen von der Seele zu reden. Doch die Erinnerungen blieben wie eine Narbe im Gedächtnis.
Ende der achtziger Jahre lüftete Gorbatschows glasnost - seine Aufforderung zu Offenheit in allen Bereichen des Lebens - erstmals den Schleier und konfrontierte mich mit den gesellschaftlichen und politischen Wahrheiten eines Landes, das sieben Jahrzehnte totalitärer Herrschaft hinter sich hatte. Jetzt endlich war ich gewillt, zwischen dem System und den Menschen zu unterscheiden und mir ein vollständiges Bild zu machen.
Lebensbedrohlicher Schwarzgebrannter und Temperaturen von minus 55 Grad, Hotelzimmer, die entweder eiskalt oder extrem überheizt sind, Restaurantmanager, die mein Geburtstagsessen stehlen, kommunistische Wachen, die meinem Assistenten die Nase brechen. Weshalb kehre ich immer wieder zurück? Wegen duscha, und nur wegen duscha.
Duscha ist dieses geheimnisvolle Innenleben der Russen, unverfälscht und überschwänglich, erfüllt von Mitgefühl und tiefer Leidenserfahrung, die lindert und reinigt. Ein unbewusster Drang... der Glaube an das Unerklärliche.
Menschen, die in Wäldern Bücher lesen. Nächtelange Gespräche. Drei Betrunkene, die über den Sinn des Lebens nachdenken. Duscha ist so anders als das westliche Streben nach Wohlergehen. Es nimmt die harsche Realität nicht zur Kenntnis. Es ist die unsichtbare Gegenwelt zum harten Alltagsleben, die Antithese zur Modernität. Ist Gewissen, Mitgefühl, Vergeben und die Fähigkeit des Menschen, am Göttlichen teilzuhaben. Es ist die russische Seele.
Entdecken Sie auf der Website von NATIONAL GEOGRAPHIC auch den Beitrag Russland im Aufbruch .
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