Schätze aus der See

Artikel vom 01.07.2001  —  Autor: Thomas B. Allen

An der Promenade von Havanna: In einem flachen weißen Gebäude zieht ein bewaffneter Wächter geräuschlos eine Tresortür auf. Vom plötzlichen Licht getroffen, blitzen goldene Barren, Ketten, Münzen, Zahnstocher und Perlen auf. Silberscheiben, so groß wie Servierteller, und Haufen von Smaragden, Opalen und Saphiren liegen daneben. Die einstigen Zeichen der Macht und des Reichtums der spanischen Krone gehören heute dem Volk von Kuba - Taucher haben sie im Auftrag der Regierung vom Meeresboden heraufgeholt.

Ein Archäologe zeigt mir ein Astrolabium, ein vor der Erfindung des Sextanten gebräuchliches Navigationsinstrument. "Wir besitzen drei der ältesten bekannten Exemplare", sagt er und verweist mich auf eine Gebrauchsanleitung aus dem 16. Jahrhundert. Damals zog Kuba die Schiffe wie ein Magnet an. Denn in Havanna, einem der besten Naturhäfen der Welt, stellten die Spanier ihre Konvois zusammen, die Schätze aus Mittel- und Südamerika nach Europa bringen sollten. Viele kamen nie an, fielen Stürmen oder Piratenangriffe zum Opfer. Wie die "Nuestra Senora del Rosario", die 1590, von Kanonen und Musketen zerschossen, an der Nordwestküste sank. Vor Kuba befindet sich einer der reichsten Schiffsfriedhöfe der Welt.

Spanien wurde reich an der Beute aus seinen Kolonien, doch das Glück währte nicht lange. Die Gold - und Silberminen versiegten. Die letzte Schatzflotte fuhr 1778. Spanien hatte seine Monopolstellung im Seehandel verloren - und Kuba wurde eine eigene Nation.

Heute nimmt die Karibikinsel die Schätze wieder in Besitz, die die Spanier einst auf Schiffe verladen hatten, die dem Untergang geweiht waren.

Eine Tradition hat sich Havanna aber bewahrt: Jeden Abend um neun Uhr feuern Soldaten in historischen Uniformen eine Kanone ab - einst das Signal, dass die Stadttore zur Nacht geschlossen wurden.


(NG, Heft 7 / 2001)
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