So sah ich Afghanistan

Artikel vom 01.12.2001  —  Autor: Edward Girardet

Es ist Nachmittag, als wir in der ausgedörrten, staubigen Siedlung Khwaja Bahauddin im Norden von Afghanistan ankommen. Früher war dies eine einfache Karawanserei für Nomaden und Händler, aber jetzt, Anfang September 2001, dient der Ort als Versorgungsbasis für Ahmed Schah Massud, den wichtigsten Militärkommandeur der afghanischen Opposition gegen die Taliban.

Ich bin hierher gereist, um die Auswirkungen des seit 23 Jahren ununterbrochen andauernden Bürgerkriegs auf das Land und seine Bevölkerung zu erkunden. Mein alter Freund und Führer Mohammed Schuaib begleitet mich. Wir fahren zu einem Gästehaus des Außenministeriums der Nordallianz. Es besteht aus mehreren nebeneinander liegenden Räumen, die auf einen Hof mit sorgfältig angelegten Blumenbeeten führen. Asim Suhail, ein junger Mitarbeiter der Allianz in gebügelten Jeans, Hemd und Blazer, bestellt Tee, dann nimmt er unsere Empfehlungsschreiben unter die Lupe und lächelt: "Natürlich weiß ich, wer Sie sind. Und ich wusste auch, dass Sie kommen würden."

Ich will mit Massud über die Auswirkungen des seit mehr als 20 Jahren andauernden Krieges reden. Und ich möchte auch besser verstehen, was die Taliban antreibt, die nicht nur von der paschtunischen Mehrheit in Afghanistan unterstützt werden, sondern auch von Freiwilligen aus Pakistan , dem Nahen Osten und anderen Teilen der muslimischen Welt: einer Art islamistischer Fremdenlegion. Sie stellen angeblich ungefähr ein Drittel der Taliban-Kämpfer. Seit Beginn des afghanischen Bürgerkrieges bin ich ungefähr 40-mal in dieses bergige zentralasiatische Land gereist, um von dort zu berichten. Der Krieg brach im Sommer 1978 in Kabul aus. Drei Monate vor der sowjetischen Invasion im Dezember 1979 erlebte ich einen Konflikt auf niedriger Flamme, der sich dann aber immer mehr ausbreitete. Seit Anfang der ausländischen Unterstützung gegen die sowjetischen Besatzer haben viele Afghanen Anstoß daran genommen, wie sie von den muslimischen Freiwilligen aus anderen Ländern behandelt wurden.

Kämpfer wie Osama bin Laden haben die Einheimischen stets als dumme Provinzler betrachtet, die keine Ahnung vom "wahren Islam" hätten. Vieles war plötzlich verboten: Drachen steigen zu lassen, Musik vom Kassettenrekorder zu hören, Schuhe mit festen Sohlen zu tragen, wie es manche Frauen wünschten.

Die Menschen hier sind als furchtlose Kämpfer bekannt, besonders, wenn sie von fremden Mächten angegriffen werden, aber es kennzeichnen sie auch eine nie versagende Wärme und Gastfreundschaft. Das ist einer der Gründe, warum so viele Journalisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Reisende immer wieder in dieses Land zurückgekehrt sind. Allein schon das den Afghanen von den Taliban auferlegte Verbot, Ausländer in ihren Häusern aufzunehmen, zeigt, wie weit sich dieses Regime von den Grundlagen der afghanischen Gesellschaft entfernt hat. Ich weiß nicht, wie viel die Afghanen noch ertragen können - und ob Fremde jemals wieder solche Großzügigkeit erleben dürfen.


(NG, Heft 12 / 2001)
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