Stadt ohne Grenzen

Artikel vom 01.07.2001  —  Autor: John G. Mitchell

Tom Spellmire wohnt mit seiner Mutter auf einer 35 Hektar großen Farm in Turtle Creek, Warren County, Ohio. Im Süden grenzt der Großraum Cincinnati, im Norden die Großstadt Dayton an diesen Landkreis. Auf Spellmires Farm gibt es Silos, Scheunen und ein weißes Holzhaus mit grünem Dach aus der Zeit der Jahrhundertwende. Blickt man von seinem Hof aus die Straße entlang, sieht man noch ein, zwei weitere landwirtschaftliche Gebäude. Doch in der anderen Richtung bestimmen akkurat getrimmte Rasenflächen und Panoramafenster das Bild - Symbole des amerikanischen Traums von Gleichheit und Wohlstand. Eine Welt von baumlosen Sackgassen, sterilen Einkaufszentren und gigantischen Shoppingmalls, Bürokomplexen, riesigen Parkplätzen und verstopften Highways, die bald nach ihrer Fertigstellung schon zu klein sind.

Den meisten Leuten in diesen Vororten scheint das wenig auszumachen. Sie nehmen die Beeinträchtigungen als unvermeidbares und unabänderliches Ärgernis hin, obwohl immer mehr Land zugebaut, der innere Zusammenhalt der ländlichen Gemeinden empfindlich gestört und älteren Ortschaften und Stadtkernen die wirtschaftliche Grundlage entzogen wird. Vermutlich finden sich die Menschen deshalb so leicht mit dieser Entwicklung ab, weil sie sich an sie gewöhnt haben. Das Phänomen der Zersiedelung hat in den meisten Landesteilen schließlich schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Und immer verläuft es nach dem gleichen Szenario: Eine Stadt altert, die Kriminalität und andere Probleme nehmen zu, und viele der wohlhabenderen Bürger ziehen an den Stadtrand.

"Warum ziehen die Menschen weg?", frage ich John Dowlin von der Kreisverwaltung Hamilton County in unmittelbarem Umland von Cincinnati. "Ich glaube nicht, dass es allein an ethnischen Problemen liegt", antwortet er nachdenklich. Ich vermute, dass es die alte Geschichte ist: Die Menschen wollen einen Teil vom amerikanischen Traum."

Stadtplaner und die Medien haben für dieses Phänomen einen anderen Begriff: Sprawl - das unkontrollierte Wachstum der Städte . In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts lebten 70 Millionen Amerikaner in Stadtgebieten, die insgesamt eine Fläche von 33000 Quadratkilometern bedeckten. 1990 wohnten mehr als doppelt so viele Menschen in Ballungsräumen. Die von ihnen beanspruchte Fläche hat sich jedoch fast verfünffacht: auf mehr als 160000 Quadratkilometer.


(NG, Heft 7 / 2001)
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