Tödliche Seide der Spinnen

Artikel vom 01.08.2001  —  Autor: Richard Conniff

Der Innenhof eines Hotels in den Außenbezirken von San José in Costa Rica scheint ein wenig aufregendes Biotop zu sein. Bill Eberhard, Biologe an der örtlichen Universität, beugt sich über ein unscheinbares Stück Garten und klopft sanft an eine alte Tennissocke, die er mit Stärkemehl gefüllt hat. Eine feine weiße Wolke schwebt durch die Luft - und wie Bilder auf dem Fotopapier im Entwicklerbad werden plötzlich Spinnennetze sichtbar. Jedes dieser Netze ist auf seine Art vollkommen, mit 1000 oder mehr zarten Maschen, jedes in besonderem Winkel aufgespannt, und alle waren beinahe unsichtbar, ehe der weiße Staub kam - eine ähnlich tödliche Falle für fliegende Insekten wie es die Stellnetze der Fischer im Wasser sind.

Die größten Räuber sind die Weibchen. Bei den meisten Arten stellen die männlichen Spinnen mit der Geschlechtsreife das Netzeknüpfen ein - und damit auch das Fressen. Den Rest ihres Lebens konzentrieren sie sich auf die Fortpflanzung. Die Weibchen aber brauchen das Eiweiß ihrer Insektenopfer, um Eier legen zu können, und spinnen deshalb lebenslang ihre Netze.

Wie raffiniert die Waffen der Spinnen sein können, zeigt mir Eberhard bei einem kurzen Spaziergang. Von der La-Selva-Station in den Bergen Costa Ricas aus waten wir eines Morgens durch das hüfttiefe Wasser eines Bachs im Regenwald , die Augen dicht über der Wasseroberfläche. Wir suchen ein Exemplar der Gattung Wendilgarda, die ihre Leine über einen Bach spannt und ihr Netz an die Oberfläche des fließenden Wassers heftet.

Eberhard versucht mir klar zu machen, wie phänomenal diese Leistung der Spinne ist: "Wir haben es hier mit einem beinahe blinden Tier zu tun, das mit einem sehr einfachen Nervensystem in einem schwer berechenbaren Milieu eine so komplizierte Struktur errichtet. Ein Mensch müsste dafür sehr schwierige Überlegungen anstellen: ‚Wie viel Raum muss ich überbrücken? Wie viel Seide habe ich? Wie viele Ankerpunkte stehen zur Verfügung?'

Spinnen sind keine Automaten, die immer nur das Gleiche herstellen. Sie sind anpassungsfähig. Und zwar auf eine intelligente Art." Wieder daheim, beschließe ich, für kurze Zeit selber eine Spinne zu sein. Ich rufe den Kletterlehrer Stefan Caporale an. Er ist bereit, mir beim Knüpfen meines eigenen Spinnennetzes zu helfen - in der Ecke zwischen zwei Kletterwänden einer Sporthalle in Worcester, Massachusetts.


(NG, Heft 8 / 2001)
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