Wales - Das Lied der Freiheit

Artikel vom 01.06.2001  —  Autor: Simon Worrall

"Wollen Sie's mal versuchen?", fragt mich die Lehrerin Carole Bradley. Wir sitzen in der Universität von Cardiff, und unser Intensivkurs in walisischer Sprache hat gerade begonnen. Bradley sieht mich aufmunternd an, aber ich starre nur auf die Wörter: Betws-y-Coed. Ich schwitze. "Bet-wus-ee-co-ed", stottere ich. "Betus-uh-coyd", korrigiert Bradley. Betws-y-Coed heißt ein Städtchen im Norden von Wales. Ob ich jemals begreifen werde, wie dieser Name richtig ausgesprochen wird?

Die Sprache war schon immer das Erkennungszeichen walisischer Identität. Vor einer Generation sah es noch so aus, als würde sie den Weg des Manx gehen - der Sprache, die einst auf der Isle of Man sehr verbreitet war und jetzt verschwunden ist. Staatliche Programme haben die Situation umgekehrt: Heute werden Straßenschilder und offizielle Schriftstücke auf Walisisch und Englisch geschrieben, und in der Schule müssen die Kinder beide Sprachen lernen. Walisisch ist eine der lebendigsten europäischen Regionalsprachen: Mehr als eine halbe Million der drei Millionen Einwohner von Wales sprechen sie.

Diese Neubelebung, auch und besonders unter jungen Leuten, ist Teil eines wieder erwachten Gefühls der nationalen Identität, das dieses kleine stolze Land erlebt. Im Mai dieses Jahres feierte es den zweiten Jahrestag der Einberufung der National Assembly. Es ist nach sechs Jahrhunderten das erste Parlament, das hier zusammengetreten ist - nach der partiellen Machtübertragung durch die britische Zentralregierung. Sie soll Schottland, Nordirland und Wales ein größeres Mitspracherecht geben und den zentrifugalen Kräften entgegenwirken.

Die Waliser sind die ursprünglichen Britannier und lebten hier schon vor den keltischen Volksgruppen, die später die gesamten Britischen Inseln besiedelten. Nach dem 16. Jahrhundert ist Wales mit England zusammengewachsen. Die althergebrachte Sprache wurde unterdrückt, die Kultur assimiliert. "Wales, siehe England", hieß es im späten 19. Jahrhundert im Register der Encyclopædia Britannica.

Das Wort hiraeth bedeutet so viel wie "Sehnsucht nach zu Hause": Es ist einer der Schlüsselbegriffe der walisischen Kultur. "Wir sind die letzten Nachfahren der Kelten ", sagt die Lehrerin Heulwen Hughes Aeron trotzig. "Wir haben zwar die meisten unserer Traditionen und Mythen verloren. Aber wir sind immer noch da!" Über viele Jahrhunderte hinweg hat sich die Walisisch sprechende Minderheit in der Opferrolle gefühlt - jetzt ist sie dabei, sich Einfluss zu verschaffen.


(NG, Heft 6 / 2001)
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