Afghanistans langer Weg zum Frieden

Artikel vom 01.06.2002  —  Autor: Lois Raimondo  —  Bilder: Lois Raimondo

Der Anruf erreichte mich am späten Abend. Ich saß gerade zu Hause in Washington vor dem Fernseher und verfolgte Interviews mit Politikern über den Krieg gegen den Terrorismus. Wie üblich ging es auch um Afghanistan. Am anderen Ende der Leitung war mein früherer Dolmetscher Ahmed Zia Masud. Er ist heute als Unterhändler für das afghanische Verteidigungsministerium tätig und ruft mich oft über Satellitentelefon an - von Bergen, aus Dörfern oder Höhlen, wo auch immer er gerade mit Reformgegnern zusammenkommt, die ihre Waffen nicht niederlegen wollen und sich weigern, mit der neuen Zentralregierung zusammenzuarbeiten.

Manchmal werden Masud und die anderen Unterhändler bedroht und müssen sich zurückziehen. "Dies ist jetzt eine sehr gefährliche Zeit für mein Land", sagt er. "Jeden Tag erlebe ich schlimme Dinge. Die jungen Burschen kennen nur den Krieg, sonst nichts. Was soll aus ihnen werden? Wir werden sicher irgendwann wieder genug zu essen haben und Arbeit für alle. Aber noch leidet das Volk."

Von Oktober bis Dezember 2001 waren Masud und ich, eine amerikanische Reporterin, gemeinsam im Norden Afghanistans unterwegs. Seine von den Taliban kontrollierte Heimatstadt Kabul hatte er seit mehr als sieben Jahren nicht gesehen. Er war bei der Führung der Nordallianz beschäftigt, unter anderem als Dolmetscher. So kamen wir zusammen.

Masud ist ein frommer Muslim und Vater von drei Kindern. Ich bin eine unverschleierte, unverheiratete Frau aus dem Westen. Keiner von uns beiden konnte sich vorstellen, wie stark wir das Denken und Leben des jeweils anderen beeinflussen würden.

Unsere gemeinsame Zeit sollte uns für immer verändern. Wir berichteten von der Front. Brüteten über russischen Militärlandkarten, ritten auf ungesattelten Bergpferden durch eiskalte Flüsse, versuchten mit Befehlshabern im Feld in Kontakt zu kommen. Und tranken viel Tee.


(NG, Heft 6 / 2002)
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