Alashan - Ins Herz der Wüste Gobi

Artikel vom 01.01.2002  —  Autor: Donavan Webster  —  Bilder: George Steinmetz

Hier gibt es Gespenster. Das behaupten jedenfalls die Chinesen. Sie sagen, in dieser von Mauern umgebenen Festung Khara Khoto - der Schwarzen Stadt - die im 14. Jahrhundert aufgegeben wurde, gehen Geister und Dämonen um. Ich verstehe, warum sie das behaupten: Ein geheimnisvoller Hügel aus Flugsand deckt die bis zu neun Meter hohen Festungswälle der Schwarzen Stadt zu. Innerhalb der Stadtmauern von Khara Khoto liegen die Ruinen eines einstigen Königreichs. Übrig geblieben sind davon nur die schon vor langer Zeit zerfallenen gelbbraunen Lehmhäuser, zerbrochene Keramiktöpfe und -schalen, ein paar ausgebleichte Gebeine, so alt, dass ihr Ursprung nicht mehr erkennbar ist.

Im schräg einfallenden Licht der untergehenden Oktobersonne kann ich die Szenerie buchstäblich vor mir sehen: den gewaltsamen und blutigen Untergang der Schwarzen Stadt. Es war das Jahr 1372. Der mongolische König Khara Bator musste das Ende der mongolischen Herrschaft in Asien mit ansehen. Während sein Volk geschützt innerhalb der Stadt weilte, die Dschingis Khans Goldene Horde 1226 eingenommen hatte, versammelten sich vor den Mauern die überlegenen Armeen der chinesischen Ming-Dynastie.

Und die Chinesen machten die Wüste zu einer tödlichen Waffe: Sie leiteten den Schwarzen Fluss um, die einzige Wasserversorgung für die Gärten und Brunnen in Khara Khoto. Dann warteten sie einfach ab. Als der Durst in der Schwarzen Stadt lebensbedrohlich wurde, erkannte Khara Bator sein Schicksal. Wahnsinnig vor Zorn tötete er seine Familie und richtete schließlich das Schwert gegen sich selbst.

Nach seinem Selbstmord kämpften seine Soldaten in der Festung von Khara Khoto noch weiter. Aber in der Hitze schwanden ihnen alsbald die Kräfte. Schließlich metzelten die siegreichen Ming die Mongolen wie Vieh hin, ließen die Leichen unbeerdigt liegen und plünderten die Garnison. Der Legende nach erscheinen an diesem Ort der blutigen Gräuel nachts die Geister der Toten.

Am späten Abend mache ich mich auf den Weg und erklimme eine Sanddüne, die innerhalb der Befestigungen von Khara Khoto liegt, um auf den Festungswall zu gelangen. Die Tagesausflügler sind verschwunden, denn die Geschichten mit den Gespenstern sind ihnen nicht geheuer. Und ich? Ich bleibe. In der Nacht werde ich oben auf den vier Meter dicken und bis zu 400 Meter langen äußeren Stadtmauern wandeln und unter dem Sternenhimmel träumen. Wenn es hier Gespenster gibt, dann möchte ich sie kennen lernen.


(NG, Heft 1 / 2002)
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