Auf der Suche nach Kolumbus

Artikel vom 01.11.2002  —  Autor: Eugene Lyon  —  Bilder: Bob Sacha

Unzählige Schwalben, aufgescheucht von dem harten Klang der Glocken, kreisen um Sevillas herrliche gotische Kathedrale. Im Halbdunkel des Innenraums, von einem Sonnenstrahl in Licht getaucht, ruht der in eine Fahne gehüllte Sarkophag des Christoph Kolumbus auf vier gewaltigen Königsskulpturen. Beim Betrachten des Grabmals frage ich mich, was die Kontroverse um diesen Mann zu bedeuten hat, die heute größer ist als zu seinen Lebzeiten. Sein bemerkenswertes Leben entfacht noch immer erbitterte Diskussionen. Selbst seine letzte Ruhestätte ist bis heute umstritten: Liegen seine Gebeine hier in Sevilla - oder in einem Bleisarg jenseits des Meers?

Ich stehe vor einer schwierigen Aufgabe. Wie kann ich mit einem Abstand von fünf Jahrhunderten den Charakter dieser historischen Persönlichkeit ermitteln? Wie komme ich dem ruhelosen Entdeckergeist eines Manns auf die Spur, der den Osten auf dem Seeweg nach Westen erreichen wollte? Als Historiker arbeite ich mit Originaldokumenten. Da kann ich mich auf eine "Schnitzeljagd" gefasst machen. Die Unterlagen sind weitläufig verstreut. Zu den Kolumbus-Dokumenten, von denen viele strittig sind, gehören mehr als 2500 Anmerkungen an den Seitenrändern der Bücher, die er besaß; rund 80 Briefe, Aufzeichnungen und Berichte; Abschriften des Bordbuchs von seiner ersten Reise in die Neue Welt; Bände, die er zusammenstellte. Und sein Testament.

Die meisten Bücher und Manuskripte liegen in Spanien, doch es gibt auch wichtige Archivalien in Italien, Frankreich und den Vereinigten Staaten.

Wer also war Christoph Kolumbus? Er war ein Mann seiner Zeit, der zugleich seiner Zeit voraus war. So überbrückte er mit seinem an Widersprüchen reichen Charakter die Schwelle zwischen den Zeitaltern.

Dieser einzigartige Seefahrer war in Wirklichkeit ein "empirischer" Mystiker, in dem das Weltliche und das Geistige im Widerstreit lagen. Als einfacher Mann, der in den Adelsstand aufgestiegen war, verachtete er innerlich die Zitadellen der Macht - und war zugleich glühend auf deren Privilegien erpicht. Es mangelte ihm an Bildung - doch er hegte tiefe Bewunderung für die Gelehrsamkeit. Er glaubte daran, dass sein Gott ihm den Seeweg in das irdische Paradies öffnen werde, und fühlte sich vom Heiligen Geist auf seine Mission geschickt. Am Ende feierte er einen Triumph über seine Kritiker und eroberte das "Meer der Dunkelheit". Während er die eine Vision verfolgte, verwirklichte er unabsichtlich eine andere: die Expansion Europas in eine bislang abgeschiedene, von nun an aber unendlich offenere Welt.


(NG, Heft 11 / 2002)
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