Es ist der 6. Juni. Wieder jährt sich der D-Day, der Tag der Landung der Alliierten in der Normandie. Wie damals herrscht Ebbe, und unter meinen Füßen wird der Sand fest. Ich berühre einen verrosteten Metallstumpf, der aus dem Sand ragt - ein Überbleibsel jener Hindernisse, die am 6. Juni 1944 in langen Reihen diese Küste säumten. Am Himmel ziehen Wolken auf. Wie damals wird es ein grauer Tag werden. An diesen Strand kommen jedes Jahr im Juni Gruppen von schweigsamen Männern mit ihren Verwandten - und mit ihren Erinnerungen. Einer von ihnen ist Joseph Vaghi, ein freundlicher, lebhafter Marineveteran. Am Tag der Invasion war er Strandmeister - "so etwas wie ein Verkehrspolizist", sagt Vaghi - an einem blutgetränkten Abschnitt, den die Amerikaner "Easy Red" nannten.
Ich begegne Vaghi auf den windgepeitschten Klippen über dem grauen Sandstrand, der jetzt verlassen und still daliegt. Ganz in der Nähe befindet sich der amerikanische Friedhof mit 9387 Gräbern. 23 davon tragen die Namen von Soldaten aus Vaghis Einheit, dem 6. Marinebataillon. Sie entschärften Minen, markierten die Fahrrinnen für die Landungsboote, versorgten Verwundete und schleppten sie durch das sich allmählich rot färbende Wasser zu den Evakuierungsschiffen. An dem Tag, an dem ich Vaghi begegne, hilft er, ein spätes Denkmal für gefallene Kameraden zu errichten. "Unsere Einheit war damals so klein und bescheiden", sagt er lachend, "dass die US-Marine sie fast 60 Jahre vergessen hat."
Auf meiner Reise in die Normandie im letzten Sommer suchte ich nach der unbekannten D-Day-Saga, nach jenen faszinierenden Splittern von Historie und Heldentum, über die in den Jahrzehnten seit jenem grauenvollen Junimorgen kaum berichtet wurde.
Viele dieser Geschichten hat das Meer auf ewig versiegelt. Andere Aspekte der Invasion umhüllt noch immer ein Schleier der Geheimhaltung. Dazu gehört auch die "Operation Neptune" - die höchst geheimen Marine- und Amphibieneinsätze unter britischem Befehl.
Von den 5300 Schiffen, Booten und Amphibienfahrzeugen, die an der Invasion teilnahmen, gingen mindestens 200 am D-Day oder in den Tagen danach verloren. Heute erforschen Historiker die erst vor kurzem freigegebenen Dokumente. Ans Licht kamen Geheimnisse, für die Männer und Frauen einst ihr Leben riskierten. Und die Funde ergeben ein immer detaillierteres Bild des D-Day.
Erfahren Sie auch die Geschichte von Hein Severloh , dem Schützen von Omaha, der mehr als 2000 Alliierte tötete, und den die Erinnerung an diesen furchtbarsten Tag in seinem Leben nicht mehr los lässt.
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