Der 6. Januar 1907, ein Sonntag, ist ein glücklicher Tag für den Amerikaner Theodore Monroe Davis aus Newport, Rhode Island. Seit fünf Jahren finanziert der wohlhabende Geschäftsmann und Anwalt, ein Mann von kleiner Statur mit Nickelbrille und mächtigem Schnauzbart, archäologische Forschungen im Tal der Könige . An diesem Wintertag steht Davis am Eingang einer Kammer, die sein Grabungsleiter Edward Russell Ayrton kurz zuvor durch Zufall entdeckt hat.
Und er ist höchst gespannt. Hier in der Nähe sind bereits viele überreich mit Schmuck und Wandmalereien ausgestattete Gräber gefunden worden. "Wir kamen in einen wohl fünf mal sechs Meter großen Raum", schreibt Davis. "Auf dem Boden lag ein Sarg aus Holz, vollständig bedeckt mit Goldfolien." Er trägt die Insignien eines Königs: Krummstab, Wedel, an der Stirn die Uräusschlange. Im Schrein macht das Grabungsteam dann einen spektakulären Fund: eine in Leinen gehüllte Mumie . Der stark verweste Körper ist von ungewöhnlich dunkler Farbe, Blätter aus reinem Gold bedecken ihn. "Sie waren so dick, dass sie aufrecht standen, als wir sie in die Hand nahmen." Die goldene Gesichtsmaske ist brutal abgerissen, die Kartuschen mit dem Namen des Besitzers sind herausgeschnitten.
Seit fast 20 Jahren verbringt Davis die Winter in Ägypten. Den bereits 70-Jährigen treibt der Wunsch, durch einen großen Fund berühmt zu werden; kulturhistorischen Erkenntnissen gilt sein Interesse erst in zweiter Linie. Die Grabkammer ist kahl, fast provisorisch, aber ihr Inhalt verspricht viel.
Die Mumie ist die einer Frau - diagnostizieren jedenfalls zwei Ärzte, die zufällig in der Gegend sind. Und so ist Davis sicher, das Grab von Teje gefunden zu haben, der Mutter des "Ketzerkönigs" Echnaton, eines der großen Pharaonen des Alten Ägypten. Die Gruft erhält die nüchterne Bezeichnung KV 55 (für Valley of the Kings).
Bis heute ist die Bedeutung dieses Grabes heftig umstritten. "Es sind noch sehr viele Fragen offen", sagt Sylvia Schoske, die Leiterin des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München. "Und das reizt, mit immer neuen Theorien aufzuwarten." Handelt es sich bei dem fast 3400 Jahren alten Sargdeckel aus KV 55 um das Opfer eines räuberischen Anschlags? Wollte jemand die Spuren der Geschichte tilgen? Für wen war der Sarkophag überhaupt gedacht, und wer wurde tatsächlich in ihm bestattet? Das wollen die Mitarbeiter des Münchner Museums endlich ergründen.
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