Die Erde und ihre Zukunft

Artikel vom 01.09.2002  —  Autor: Michael Klesius

Vor zehn Jahren trafen sich die Repräsentanten von mehr als 178 Nationen in Rio de Janeiro, um den Schutz der globalen Ressourcen und der Ökosysteme zu planen. Vereinbart wurde, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken sowie den Lebensstandard der Menschen durch nachhaltige Entwicklung zu sichern. Jetzt treffen sich Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten in Johannesburg: zur Rio+10-Konferenz. Einziges Thema der Tagesordnung: Hat Rio - und wenn ja, wie nachhaltig - die Welt verändert?

Das Fazit von sieben Forschern

Die Wissenschaftler diskutierten auf einer von NATIONAL GEOGRAPHIC organisierten Telefonkonferenz. Gesprächsleiter war Gus Speth, Dekan der Fakultät für Forstwirtschaft und Umweltstudien an der Yale-Universität.

E. O. Wilson, Soziobiologe, Harvard-Universität:
"Die Tropenwälder werden noch genauso rücksichtslos gerodet wie vor zehn Jahren. Wenn das gegenwärtige Tempo anhält, zerstören wir unsere eigene Rohstoffbasis. Mit anderen Worten: Wir ruinieren die natürliche Wirtschaft, von der die Marktwirtschaft abhängt. Und als unerwünschte Nebenwirkung rotten wir bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auch noch die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten aus. Aber wenn uns heute nicht einmal diese Gefahren zum Umdenken bewegen können, was dann?"

Jane Lubchenco, Meeresökologin, Oregon State-Universität:
"Wenn man die Leute fragt, in welcher Weise sie von der Natur abhängen, richten die meisten ihr Augenmerk normalerweise auf materielle Dinge: Nahrung, Kleidung, Heilmittel und neuerdings auf Gene. Die wenigsten denken an Ökosystem-Dienstleistungen, also an den Nutzen, den wir aus intakten Ökosystemen ziehen. Sie reinigen Luft und Wasser, regulieren - zumindest teilweise - das Klima, schaffen fruchtbaren Ackerboden. Gesunde Ökosysteme bieten Lebensraum und halten Schädlinge und Krankheitserreger von uns fern. Erst wenn wir diesen kostenlosen Service verlieren, werden wir seinen Wert erkennen."

Sherry Rowland, Atmosphärenchemiker, Universität von Kalifornien:
"Damit sich die Menschen endlich mehr Gedanken um die Gesundheit der Erde machen, wäre vielleicht ein überraschender Klimawechsel nötig. Zum Beispiel ein permanenter El Niño. Beim letzten El Niño fielen in Südkalifornien allein in einer Saison 81 Zentimeter Regen pro Quadratmeter. Ein anderes Beispiel wäre das Versiegen des Golfstroms, zu dem es zuletzt vor 12 000 Jahren gekommen war. Meine Frage: Vollzieht sich der Klimawechsel sukzessive, wie auf einer abgestuften Skala, oder wird plötzlich sozusagen ein Schalter umgelegt?"

Wes Jackson, Pflanzenbiotechnologe, The Land Institute:

"Ich wünsche mir, dass in Johannesburg das Thema Landwirtschaft und Ernährung von einer wachsenden Zahl von Menschen behandelt wird. Was bedeutet das für die Meere? Früher habe ich gesagt, wenn wir die Landwirtschaft nicht in den Griff bekommen, ist die Wildnis dem Untergang geweiht. Jetzt kann ich hinzufügen: Dann haben auch die Meere dieses Schicksal."

Richard Barber, Ozeanograf, Duke-Universität:
"Stellen Sie sich vor, was in den Leuten vor hundert Jahren vor sich ging, wenn Hurrikane vom Meer kamen und alles verwüsteten. Heute sind Hurrikane entmystifiziert. Wir wissen, wie sie entstehen und können sie vorhersagen. Wir können rechtzeitig agieren und viel menschliches Leid verringern. Jetzt brauchen wir eine Entmystifizierung des Klimawandels."

Theo Colborn, Zoologin, World Wide Fund For Nature:
"Es gibt inzwischen genügend Beweise dafür, dass weit verbreitete Schadstoffe der Petrochemie in den Organismus eindringen. Beim Fötus behindern sie die Entwicklung des Gehirns, des Immunsystems und der Geschlechtsorgane."

Hal Mooney, Umweltbiologe, Stanford-Universität:
"Die Geschichte zeigt, dass es Einzelnen oder kleinen Gruppen immer wieder gelingt, die Gesellschaft wachzurütteln und sie über die Brisanz eines Problems aufzuklären. So sind schon dramatische soziale Veränderungen bewirkt worden. Heute arbeiten Wissenschaftler wie nie zuvor gemeinsam daran, den biologischen Reichtum der Erde zu schützen. Jetzt besteht unsere Herausforderung darin, unsere Forschungsergebnisse sowohl der Öffentlichkeit als auch den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik klar und überzeugend zu präsentieren."

Erfahren Sie in unserem Beitrag Wasser für die Welt , wie sich bei steigender Zahl der Bevölkerung der Mangel an Trinkwasser immer deutlicher bemerkbar macht und zum Umdenken zwingt.


(NG, Heft 9 / 2002)
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