Die ersten Europäer

Artikel vom 01.12.2002  —  Autor: Jürgen Nakott  —  Bilder: Thomas Ernsting
Anatomie des Schädels

Bild: Atelier Wildlife Art, Germany (Rekonstruktionen), W. Schnaubelt & N. Kieser Vergrößern

Unter dem Vorsprung einer Felswand kniet ein Mann, ganz in weiches Leder gekleidet. Er facht ein glimmendes Lagerfeuer an, das tagsüber sorgfältig abgedeckt war. Seine Gefährtin hält ein Bündel Reisig bereit. Eingeschlagen in ein großes Blatt liegen ein paar ausgenommene Fische neben der Kochstelle. Sie sind mit zerquetschten Wacholderbeeren und Beifußkraut gebeizt. Die Kräuter würzen gut, sollen aber vor allem die Verdauung anregen. Das Paar am Feuer strahlt ein harmonisches Miteinander aus - sie eine Neandertalerin, mit fliehendem Schädel über dicken Brauenwülsten, er ein Mann der neuen Menschen, mit eng zusammenstehenden Augen unter steiler Stirn. Die Frau scheint zwei Kinder herbeizurufen, die in der Nähe spielen. Ihre Kinder? Und der steinzeitliche Lederstrumpf, ist er der Vater?

Das wird sich jeder fragen, der nach einer Wanderung durch 700 000 Jahre Menschheitsgeschichte die Ausstellung "MenschenZeit - Geschichten vom Aufbruch der frühen Menschen" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen verlässt: Sind wir, Homo sapiens, gar nicht die einzigartige Spezies, als die wir uns sehen? Umfasst unsere Sippschaft auch Menschen, die man bisher als eigene Arten angesehen hat?

Urzeit Elefanten

Bild: Atelier Wildlife Art, Germany (Rekonstruktionen), Reiss-Engelhorn-Museen; W. Schnaubelt & N. Kieser Vergrößern

Die Ausstellung versammelt das aktuelle Wissen um die Evolution und die Kultur der ersten Europäer. Was vermutlich schon die Neandertaler über die Heilwirkung vieler Pflanzen wussten, ist nicht die überraschendste Information. Es sind andere Darstellungen, die provozieren werden - zum Beispiel über das wahre Alter des Homo heidelbergensis, des nach dem Neandertaler berühmtesten unserer Ahnen in Deutschland. Sein Unterkiefer war 1907 in der Nähe des Orts Mauer bei Heidelberg gefunden worden.

Die meisten Forscher schrieben ihm bisher ein Alter von rund 500 000 Jahren zu. Neue Erkenntnisse über die Zuordnung der bekannten Warmzeiten zu bestimmten Perioden der Erdgeschichte sowie jüngste Analysen an der Fundstelle von Mauer zeigen, dass der Unterkiefer 700 000 Jahre alt sein könnte. Die Neandertalerfrau und ihr Gefährte scheinen mir lächelnd nachzuschauen, als ich die Ausstellung verlasse. Sie gibt viele Antworten, aber viele Fragen bleiben offen.

Skelett eines Kindes (links), Neandertaler

Bild: Atelier Wildlife Art, Germany (Rekonstruktionen), W. Schnaubelt & N. Kieser Vergrößern

Nur eines ist klar: Das Bild, das wir uns heute von unseren Ahnen machen, beruht auf nur wenigen Fossilfunden, verstreut über drei Kontinente und einen Zeitraum von rund sieben Millionen Jahren. "MenschenZeit" ist zwar die beste Präsentation des aktuellen Wissens, aber sie bleibt eine Momentaufnahme. Und unser Stammbaum? "Stammbäume", sagt der Anthropologe Winfried Henke, "sind wie Blumensträuße - schön anzusehen, aber schnell verwelkt." Mit dem nächsten Fund kommen wir der Wahrheit über unsere Herkunft wieder ein Stück näher. Vielleicht.


(NG, Heft 12 / 2002)
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