Am 18. Mai 1700 näherte sich die "Henrietta Marie" der Küste von Jamaika, der letzten Station vor der langen Rückfahrt nach England. Der Laderaum des Schiffs war voll gestopft mit Sklaven - vermutlich bis zu 300 gefangene Schwarze drängten sich an Bord. Sie waren von anderen Afrikanern - meist feindlichen Stämmen - in die Sklaverei verkauft. Die englischen Seefahrer hatten die Fracht mit Kupfer- oder Eisenbarren bezahlt. Als Land in Sicht kam, ließ Kapitän Thomas Chamberlain die Gefangenen für den Verkauf herrichten. Männer, Frauen, Kinder wurden an Deck getrieben, gewaschen, rasiert und eingeölt, ihre Wunden endlich versorgt.
  Vergrößern
In Port Royal kamen die Sklaven nackt und in Ketten unter den Hammer. Kaufinteressenten betasteten ihre Bäuche, untersuchten ihre Zähne und kosteten manchmal sogar ihren Schweiß - manche glaubten, aus seinem Geschmack auf den Gesundheitszustand schließen zu können. Einer Schätzung zufolge betrug der Erlös aus der Fracht der "Henrietta Marie" mehr als 3000 Pfund, das wären heute umgerechnet etwa 440 000 Euro.
Die meisten Verschleppten waren für die Zuckerplantagen bestimmt. Viele starben binnen fünf bis zehn Jahren. Ihr Schicksal interessierte Chamberlain nicht. Sein Schiff wurde nun in Port Royal mit Erzeugnissen der Neuen Welt beladen, die nach Europa gebracht werden sollten: Zucker, Baumwolle, Tropenholz und Indigo.
Ende Juni nahm die "Henrietta Marie" Kurs auf England. Bald geriet sie in einen Sturm, 55 Kilometer vor Key West lief sie auf das New-Ground-Riff. Niemand überlebte.
Bild: Don Kincaid, Dylan T. Kibler, Jose Molina, Mel Fisher Maritime Museum Vergrößern
Fast 300 Jahre später holten Taucher in Diensten des amerikanischen Schatzsuchers Mel Fisher die ersten Artefakte aus dem Wrack. Aber sie gierten nach Gold und zogen bald weiter, um nach reicherer Beute zu suchen.
In den beiden vergangenen Jahrzehnten setzten andere Taucher die Bergungsarbeiten fort, und Wissenschaftler begannen, die Funde zu erforschen und zu konservieren. Noch immer untersuchen Archäologen den zerbrechlichen Rumpf und holen Artefakte aus dem Sand. Warum sie sich so sehr abmühen, liegt auf der Hand: Die "Henrietta Marie" ist das älteste jemals geborgene Sklavenschiff.
Erfahren Sie auf unserer Website im Beitrag Die Ware Mensch mehr über den Sklavenhandel.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus