Die Not mit der Nahrung

Artikel vom 01.05.2002  —  Autor: Jennifer Ackerman/Jürgen Nakott  —  Bilder: Jim Richardson

Es geht um Hackfleisch und Eier, um Salat, Mandeln und Schokolade. Aber die Experten, die sich im Zentrum für Krankheitskontrolle und -vorbeugung (Centers for Disease Control and Prevention, CDC) in Atlanta, Georgia, getroffen haben, besprechen nicht die Speisekarte fürs Mittagessen. Sie geben einen Überblick über die durch Nahrungsmittel verursachten Krankheitsfälle in den Vereinigten Staaten. In ähnlicher Runde hat man sich auch schon am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin zusammengefunden - um wieder einmal Bilanz zu ziehen über Salmonellen und Campylobacter auf Geflügel, über neue, gefährliche Stämme von E.-coli-Bakterien in Rohwurst oder Hackfleisch, über Listerien auf Käse oder eben auch in "Milch, frisch vom Bauernhof".

Die mit solcherlei Krankheitserregern verunreinigten Lebensmittel kamen in privaten Küchen, Restaurants und Altenheimen, bei Familienfesten, auf Bauernmärkten und in Kindergärten auf den Tisch. Was oft nur als Einzelfall wahrgenommen wird, ergibt in der Summe ein erschreckendes Bild: Laut CDC erkranken in den Vereinigten Staaten jedes Jahr 76 Millionen Menschen an verdorbenen Lebensmitteln. 325 000 von ihnen müssen ins Krankenhaus, 5000 sterben.

Das sind im Vergleich zu Deutschland dramatische Daten, aber 200 000 pro Jahr gemeldete Fälle von Infektionen hier zu Lande, die durch Keime auf Lebensmitteln übertragen werden, sind kein Anlass zur Beruhigung. Diese Zahl veröffentlichte soeben das zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin im Gesundheitsbericht 2001.

Mehr als 100 000 Menschen pro Jahr müssen wegen einer Infektion ins Krankenhaus; je nach Art des krank machenden Erregers entwickeln sich bei bis zu zehn Prozent der Infizierten ernsthafte Komplikationen.

Drei von 1000 sterben - meistens Menschen, deren Immunsystem altersbedingt oder durch andere Krankheiten schon geschwächt war.

"Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Andrea Ammon, die Infektionsexpertin des RKI. "In Wahrheit ist die Zahl der Lebensmittelinfektionen vermutlich zehnmal höher. Viele gehen wegen so einer 'Darmgeschichte' allerdings gar nicht zum Arzt, und wenn, dann unterlässt der eine Stuhlprobe und die Meldung an uns." Den Epidemiologen - den Detektiven unter den Medizinern - ist klar, dass hinter den trockenen Zahlen der Statistiken wirkliche Menschen stehen, oft sehr junge und sehr alte. Sie alle wurden krank durch etwas, das die meisten von uns für eine der weniger riskanten Tätigkeiten im Leben halten: durch das Essen.

Lesen Sie auf unserer Website im Teil I der Serie "Herausforderungen für die Menschheit" den Beitrag Der Kampf gegen die Seuchen .


(NG, Heft 5 / 2002)
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