Die Paschas der Berge

Artikel vom 02.11.2002  —  Autor: Virginia Morell  —  Bilder: Michael Nichols

Ein schrecklicher Tag für "Pete". Seine linke Hand ist geschwollen und eitert, so dass er auf den drei gesunden Gliedmaßen humpeln muss. Unter diesen Umständen etwas zu fressen zu finden ist schwierig; außerdem kann er seine vier Gefährtinnen nicht mehr kraulen. Und jetzt flirtet auch noch ein hübscher Junggeselle mit ihnen. Schlimmer kann es für ihn kaum noch kommen, oder?

Machtkampf zwischen zwei Dscheladamännchen

Bild: Michael Nichols Vergrößern

"Oh doch", sagt Chadden Hunter, ein australischer Biologe, der sich auf Dscheladas spezialisiert hat. "'Pete' wird seine Familie verlieren." Diese Paviane leben ausschließlich in den Bergen Äthiopiens. Hunter hat mich zu seinem Arbeitsplatz auf einem Berggipfel eingeladen, um mir diese ungewöhnliche Situation zu zeigen: dass Männchen um ihre Position kämpfen müssen. Solche Übernahmeschlachten hat Hunter unter seinen Schützlingen schon oft beobachtet, und er ist normalerweise auch unparteiisch. Aber "Pete" mag er besonders gern. "Ich beobachte ihn schon seit vier Jahren", erklärt Hunter. "Und was jetzt passiert, finde ich schrecklich."

Mit einem Angriffsschrei stürmt eine Horde junger Dscheladamännchen unter die grasenden Affen. Ihre honigfarbenen Mähnen flattern im Wind, die Eckzähne blitzen. Aller Augen - von Dscheladas wie Menschen - richten sich auf ihr Theater. "Das gilt 'Pete' und seinen Weibchen", flüstert Hunter. "Pete" scheint es zu wissen. So gut er kann, eilt der Verletzte mit unbeholfen erhobener linker Hand zu seinen Partnerinnen. In seinem Gesichtsausdruck spiegelt sich das "blanke Entsetzen", wie Hunter es nennt.

Ein Dscheladamännchen jagt ein Weibchen

Bild: Michael Nichols Vergrößern

"Er will seine Weibchen zusammenhalten. Aber das mögen sie überhaupt nicht. Es macht alles nur noch schlimmer", sagt mein Begleiter seufzend. "Oh, 'Pete' ..."

Der zur Objektivität verpflichtete Biologe Hunter bringt nüchterne Beobachtungen zu Papier. Gleichzeitig schüttelt der Primatenkollege Hunter betrübt den Kopf. Die vier Weibchen keifen "Pete" kurz an und grasen weiter. Obwohl schwächer als die Männchen, haben die Weibchen das Sagen: Ob "Pete" bleiben darf, ist einzig und allein ihre Entscheidung. In der Dscheladagesellschaft gilt nur ein Prinzip: Frauen bestimmen, wo's langgeht!


(NG, Heft 11 / 2002)
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