Die Reisen von Kapitän James Cook

Artikel vom 01.11.2002  —  Autor: Alan Villiers  —  Bilder: Gordon W. Gahan

Ich bin in Australien geboren. Englisch ist meine Muttersprache, weil Kapitän Cook mit seinem Segelschiff vor 200 Jahren hierher kam. In unserem Klassenzimmer in Melbourne hing sein Bild. Es zeigte ihn bei der Landung in der Botany Bay in New South Wales: ein hoch gewachsener, gut aussehender Mann, britische Marine-Uniform im alten Stil.

Er hielt gerade einige seiner Männer davon ab, auf eine Gruppe australischer Aborigines zu schießen, die sich verständlicherweise über das Eindringen in ihr Territorium erregten. Im Hintergrund war sein Schiff zu sehen, die berühmte "Endeavour". Mit seiner zuvorkommenden, offenen Haltung wirkte er eigentlich viel zu ruhig und freundlich, um eine der großen Gestalten der Geschichte zu sein. Keine Gewehre feuerten von seinem Schiff herab, keine Entermesser blitzten in der australischen Sonne, keine gefangenen Eingeborenen lagen in Fesseln zu seinen Füßen.

"Der bescheidenste, menschlichste, gutwilligste Erdumfahrer, der je auf Entdeckungsreise ging" - manche von Cooks Zeitgenossen waren sich seiner wahren Bedeutung bewusst. Gleichzeitig galt er auch als "der fähigste und berühmteste Navigator, den sein oder sonst irgendein Land je hervorgebracht hat". James Cook segelte zwischen 1768 und 1779 dreimal um die Welt. Für die englische Krone nahm er Australiens Ostküste in Besitz, er umrundete die Antarktis, entdeckte die Inselgruppe von Hawaii und zeichnete die erste Karte der gefährlichen, 4800 Kilometer langen Westküste Nordamerikas, vom heutigen Oregon bis jenseits der Beringstraße. Cook wurde 1728 als Sohn eines schottischen Landarbeiters geboren, der sich in einem abgelegenen Dorf in Yorkshire niedergelassen hatte.

Mit acht Jahren besuchte er die Schule zum ersten, mit zwölf zum letzten Mal. Mit 16 wurde er zu einem Lebensmittel- und Kurzwarenhändler in die Lehre geschickt. Mit 27 meldete er sich als Vollmatrose für den Dienst in der britischen Marine, und er war schon 40, als ihm erstmals ein Offizierspatent erteilt wurde. Doch nach 1768 erforschte und kartierte er in nur einem Jahrzehnt mehr Gebiete des Pazifiks als seine mehr als 20 Vorgänger - Spanier, Portugiesen, Holländer, Franzosen und Engländer - im Lauf von 250 Jahren.

Das Bild des großen, menschenfreundlichen Seemanns, das auf jenem Gemälde in meinem Melbourner Klassenzimmer festgehalten war, blieb in meinem Gedächtnis haften. Schon als ich neun war, stand mein Entschluss fest, einmal als Segelschiffskapitän wie Cook zur See zu fahren. Ich las alles über ihn, was ich in die Hand bekam. Es hat lange gedauert, bis ich meinen Traum verwirklichen konnte, aber schließlich war es so weit. Eines Tages kehrte ich mit der "Joseph Conrad" nach Australien zurück - auf einem Schiff, wie Cook es gehabt hatte. Ich war der Kapitän. Und ich folgte dem Kurs seiner Reisen, so weit mein Wagemut reichte.


(NG, Heft 11 / 2002)
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