Bild: David Doubilet Vergrößern
Es kommt mir vor wie eine Illusion. Wie eine Verwirrung der Gefühle. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ein paar Sekunden zuvor hatte alles von oben noch ganz normal ausgesehen. Die Mittagssonne schoss Lichtpfeile durch das glitzernde Wasser und beschien ein ganz gewöhnliches Riff an einer abgelegenen Stelle in einem leer gefischten Meer. Sommer 2000. Ich sitze in einem Schlauchboot in der Karibik und lasse mich rückwärts in das glasklare Wasser fallen. Aber kaum tauche ich hinab in die Tiefe - die Luftblasen haben sich noch nicht aufgelöst, und meine Maske ist noch beschlagen -, wird mir klar, dass sich hier etwas Seltsames abspielt.
Unerwartet fühle ich mich zurückversetzt in eine Unterwasserwelt wie aus den fünfziger Jahren - in eine Welt, die eigentlich seit langem als verschwunden gilt. Aber hier umschwärmen mich die Riffbewohner in einer Vielfalt, wie ich sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe. Barsche aller Arten und Größen schwimmen um mich herum: Nassauzackenbarsche, Schwarze Zackenbarsche, sogar ein Goliathzackenbarsch (Jewfish), der Patriarch der Barschsippe. Lauter seltene Großfische, die es hier gar nicht mehr geben dürfte, weil sie harpuniert und geangelt wurden, mit Netzen gefischt oder vergiftet - von Menschen in Armut, Hunger und Not.
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Das Vorkommen dieser reichen Fauna in den Korallenriffen - oder, präziser gesagt, ihr Überleben und Fortleben trotz der beschämenden Zerstörung eines Großteils ihres Habitats - ist das Resultat einer ungewöhnlichen Kombination von verschiedenen Faktoren: Autokratie, Bürokratie, Armut, Einfallsreichtum, verbissener Beharrlichkeit gegenüber einer lähmenden Ideologie und schließlich dem gesunden Menschenverstand. Es sind die Charakteristika des rätselhaften Staats Kuba. Die Inselgruppe inmitten der Karibik hat eine fast 6000 Kilometer lange Küstenlinie.
Vier ursprüngliche Riffsysteme mit jeweils rund 300 Kilometer Länge und mehr als 4000 größere und kleinere Inseln, Sandbänke und Untiefen, die kaum aus dem Wasser ragen, liegen vor den Küsten.
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Trotzdem ist mein Erlebnis in dem paradiesischen Korallenriff nicht typisch für diese Gewässer. Viele der Riffe sind starken Belastungen ausgesetzt. Kubanische Wissenschaftler und Umweltschützer bemühen sich daher seit mehr als zehn Jahren um ein umfassendes, nachhaltiges Meeresschutzprogramm. "Allmählich merken wir, welche ernsthaften Schäden durch den verstärkten Bau von Hotels und durch die Überfischung der Meere entstehen", sagt einer der Wissenschaftler. "Aber sehen Sie: Wir sind ein Volk von elf Millionen, und für alles, was wir bekommen, müssen wir kämpfen. Für den Naturschutz bleibt da nur ein kleiner Spielraum." Doch eine Region vor der Südostküste Kubas steht bereits unter besonderem Schutz...
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