Expedition in eine Welt aus Eis

Artikel vom 02.02.2002  —  Autor: Gregory S. Stone  —  Bilder: Wes Skiles
Die Eisberge driften

Bild: NG Maps Vergrößern

Es ist ein Uhr nachts, und immer noch glüht die antarktische Sonne rot am Horizont. Vom Deck der "Braveheart" sehen wir zweieinhalb Kilometer entfernt den Eisberg, an dem wir nur Stunden zuvor festgemacht hatten. Plötzlich erhebt sich der einen Quadratkilometer große Koloss und ragt wie der Bug eines sinkenden Dampfers in die Luft.

Als er zurück ins Wasser kracht, wird unser Schiff hin und her geworfen. Noch einmal hebt sich der Riese, dann scheint sein oberer Teil zu explodieren: Wie zerborstenes Kristall liegen danach Tausende Eisfragmente über fünf Quadratkilometer im antarktischen Rossmeer verstreut. Selten konnten Menschen den Untergang eines Eisbergs aus so geringer Distanz beobachten. Hautnah erlebten wir die enorme Kraft, Komplexität und Gefährlichkeit dieser driftenden Eismassen. Darunter wahre Giganten: Etwa 200 Kilometer von uns entfernt befand sich ein Eisberg mit der Bezeichnung B-15B.

Die Braveheart

Bild: Wes Skiles Vergrößern

Mit 4900 Quadratkilometern hatte er etwa die doppelte Fläche des Saarlands. Er war ursprünglich Teil des noch gewaltigeren Eisbergs B-15: Als dieser sich im März 2000 vom Ross-Schelfeis löste, war er etwa 11 000 Quadratkilometer groß. Schätzungen zufolge enthielt er genug Süßwasser, um die USA fünf und Deutschland 45 Jahre lang mit Trinkwasser zu versorgen. Am 17. Januar 2001 nahmen der Fotograf Wes Skiles und ich an einer Forschungsexpedition zum Tafeleisberg B-15 teil. An Bord der 40 Meter langen, mit einem Stahlrumpf ausgestatteten "Braveheart" war ein 18 Mann starkes Team von Tauchern, Wissenschaftlern und seefesten neuseeländischen Matrosen.

Von Neuseeland aus Kurs Süden erreichten wir nach zwei Wochen und 3000 Kilometern (das ist etwa die Strecke vom Nordkap bis nach Sizilien) das Rossmeer. Doch das für die Jahreszeit ungewöhnlich hohe Packeisaufkommen verhinderte, dass wir den großen Eisberg B-15B erreichten. Stattdessen untersuchten wir sieben Wochen lang die kleineren, verstreuten Eisberge. Trotz des eiskalten Wassers unternahmen wir mehr als 90 Tauchgänge - geschützt durch 550 Euro teure Unterwäsche aus Polypropylen und Thinsulate und durch beheizte Trockentauchanzüge.

Eisberg B-15B

Bild: Wes Skiles Vergrößern

Unsere Beobachtungen der Unterwasserfauna zeigten, dass die gewaltigen, zum Teil jahrelang driftenden Eisberge in der Biologie des Rossmeers ein bestimmender Faktor sind. Als gewaltige Süßwasserquelle spielen sie außerdem eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Tiefenwassers und somit im globalen Strömungssystem der Ozeane. Die Erforschung der Antarktis wird unser Wissen über die Zukunft unseres Planeten wesentlich beeinflussen.


(NG, Heft 2 / 2002)
Extras

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