Hawai'i

Artikel vom 01.12.2002  —  Autor: Paul Theroux  —  Bilder: Adriel Heisey, Lynn Johnson, Richard A. Cooke III
Hawaiianer bei Sonnenuntergang am Strand

Bild: Lynn Johnson (linke Seite), Richard A. Cooke III Vergrößern

Sonnenaufgang über der Bucht von Kealakekua am Westufer von Hawai'i, der größten Insel des gleichnamigen Archipels im Pazifik. Das Licht fällt auf die ankernde "Makali'i", ein Doppelrumpfkanu, und auf Ka'awaloa Point, die Stelle am Ufer, an der der britische Weltumsegler James Cook 1779 von aufgebrachten Hawaiianern niedergeknüppelt und erstochen wurde. Das Cook-Denkmal wirft lange Schatten: Hier drangen zum ersten Mal Fremde in die Geschichte Hawai'is ein - für viele Hawaiianer bis heute ein folgenschwerer Angriff auf eine blühende Kultur, die mehr als 1000 Jahre lang ungestört geblieben war.

Ich habe am Südende der Bucht kampiert und bin noch vor Tagesanbruch durch die Besatzung der "Makali'i" geweckt worden: Es sind Oberschüler aller ethnischen Gruppen des Archipels, die auf einem einwöchigen Törn in die traditionelle Kunst der Seefahrt und in das hawaiische Wertesystem eingeführt werden. Der Skipper der "Makali'i", Clay kapena (Kapitän) Bertelmann, hat den Pazifik mehrmals mit traditionellen Segelkanus überquert. Seine junge Mannschaft hat jetzt die Zelte abgebrochen und steht am Ufer, um den jungen Tag mit Gesang zu begrüßen: "E ala e! (Erwacht! Steht auf!) / Ka Ia I ka hikina (Die Sonne erhebt sich im Osten) / I ka moana (aus dem Ozean) / Ka moana hohonu (den Tiefen des Ozeans)."

Vulkankrater

Bild: Adriel Heisey Vergrößern

Schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, kurz nach der Ankunft der ersten Missionare aus Neuengland, begann die kulturelle Unterdrückung: Der hula wurde verboten, denn er pries mit Tanz und Gesang die Götter Hawai'is, die den christlichen Glaubensboten als heidnisch galten. Doch die Kunst des hula, durch den die Geschichte und Schöpfungsmythen des Archipels überliefert wurden, ist das Herz der hawaiischen Kultur. Dann wurde auch noch die hawaiische Sprache verboten.

Bis 1959, als Hawai'i zum 50. Bundesstaat der USA wurde, war die einheimische Kultur fast vergessen. Auch im neuen Staat blieb die Sprache in den Schulen lange Zeit untersagt; importierte Krankheiten und Kriminalität untergruben die Moral der ursprünglichen Hawaiianer zusätzlich.

Spanferkel auf einer hawaiianischen Hochzeit

Bild: Richard A. Cooke III Vergrößern

Der Gesang Hawai'is, die Stimme des Pazifiks, halb Gebet, halb dramatischer Vortrag, gehört zu den eindringlichsten Klängen der Welt. Die Mannschaft der "Makali'i" singt nun das Lied "E Ho Mai", in dem um das Verständnis "der verborgenen Dinge und Fertigkeiten Hawai'is" gebeten wird. Danach skandieren und stampfen sie "E Ala Makali'i", das Loblied ihres Kanus. Für diesen Vortrag erhalten sie den Segen von Gordon Kanakanui Leslie, dem örtlichen kupuna. Dieses wunderbare Wort für "Ältester" oder "Vorfahr" bedeutet wörtlich: "von der Quelle", der Quelle der Überlieferung.

"Hier wurde Cook von 10 000 Hawaiianern begrüßt", erklärt Leslie den Zuhörern. "Der Gott Lono stammt von hier - er war ein Mensch, der zum Gott gemacht wurde. Diese Bucht heißt Kealakekua - "Pfad der Götter". Wir mussten kämpfen, um die Bauspekulanten fern zu halten. Sie wollten hier eine Ferienanlage mit Golfplätzen hinbauen. Bereitet euch auf die Zukunft vor, indem ihr die Geschichte erhaltet."


(NG, Heft 12 / 2002)
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