Herrscher unter der Sonne der Anden

Artikel vom 01.07.2002  —  Autor: Virginia Morell  —  Bilder: Kenneth Garrett

Die Plünderer gingen brachial zu Werke. Mit Schaufeln und Hacken brachen sie das Herrschergrab in der alten Andenhauptstadt Wari auf. Dann ließen sie sich an einem Seil hinab und sammelten alles ein, was ihnen in die Finger kam: sämtliche Kostbarkeiten, die die Wari hier ihren Toten auf den Weg ins Jenseits mitgegeben hatten. Wir wissen nicht genau, um welche Gegenstände es sich dabei handelte. Und auch nicht, wer die Täter waren.

Die Taschenlampe in der Hand, zwänge ich mich in den schrundigen Grabeingang, um mir wenigstens noch die kunstvollen Steinmetzarbeiten dieser fast in Vergessenheit geratenen Andenherrscher anzuschauen. An einer groben Strickleiter hangele ich mich in die Dunkelheit des engen Schachts, dessen Wände gerade mal 1,20 Meter auseinander liegen. Die behelfsmäßigen Seilschlingen nutzen mir wenig, und ich rutsche mehr, als dass ich klettere. Nach fünf Metern erreiche ich den Boden. Er ist von Geröll bedeckt. Der Schein meiner Taschenlampe gleitet über die Wand. Alle Steine sind glatt geschliffen und perfekt eingepasst.

"Wir wissen wenig darüber, was die Wari ihren Toten mitgegeben haben", sagt mein Begleiter. "Aber eines ist gewiss: Sie waren hervorragende Baumeister und Techniker." Und sie herrschten über ein riesiges Imperium. Möglicherweise waren sie die Ersten auf dem amerikanischen Kontinent, die ein Reich schufen, in dem viele Völker lebten.

Peruanerin (links), Krug (rechts)

Bild: Antropologia e Historia del Peru, Lima (rechts), Museo Nacional de Arqueologia Vergrößern

Auf seinem Höhepunkt erstreckte sich das Gebiet über einen großen Teil der Hochanden von der Südgrenze des heutigen Peru ungefähr 1500 Kilometer nach Norden.

Während der später folgende Staat der Inka nur rund 100 Jahre überdauerte, hielten sich die Wari mehr als 400 Jahre, von etwa 600 bis 1000 n. Chr. Zur gleichen Zeit lebten südlich davon, im heutigen Bolivien, die Tiwanaku. Gemeinsam bereiteten diese Zivilisationen den Weg für das Großreich der Inka .


(NG, Heft 7 / 2002)
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