Hotspots (I): Die Westghats in Indien

Artikel vom 01.01.2002  —  Autor: Geoffrey C. Ward  —  Bilder: Frans Lanting

Bis ins Unendliche scheinen sich die Berggipfel des Nationalparks Kudremukh im südindischen Staat Karnataka an diesem Morgen zu erstrecken. Im ersten warmen Sonnenlicht breitet sich ein grenzenloses Mosaik aus goldenem Grasland und dunkelgrünem Regenwald vor mir aus.

Weit und breit ist kein Anzeichen menschlichen Lebens zu sehen. Keine Geräusche sind zu hören, bis auf das Trällern einiger Tropenvögel und das stetige Summen der Insekten tief im Wald. Als ich mit meinen beiden Gefährten zum Gipfel aufsteige, möchte ich glatt glauben, dass die Westghats - eine Bergkette, die sich über 1500 Kilometer an der Südwestküste Indiens hinzieht - wie durch ein Wunder von Menschen unberührt geblieben sind. "Ich wünschte, es wäre so", sagt Niren Jain, der die Berge durch sein Fernglas beobachtet. Und Praveen Bhargav fügt hinzu: "Diese Gegend ist eine wahre Schatzkammer. Aber sie wird systematisch ausgeplündert."

Jain, ein Architekturstudent, und Bhargav, ein Werbetexter, sind im Auftrag der Umweltbewegung Wildlife First! aus Bangalore unterwegs. Sie haben sich geschworen, alles zu unternehmen, um wenigstens das zu retten, was überhaupt noch zu retten ist. Die Westghats sind eine der bedeutendsten Wasserscheiden der indischen Halbinsel. Jedes Jahr im Juni treiben die schwarzen, regenschweren Monsunwolken vom Indischen Ozean heran. Sie regnen sich an den westlichen Berggipfeln der Ghats - in manchen Gebieten fallen hier jährlich 9000 Millimeter Wasser - und an den sanfteren östlichen Hängen und über dem Hochland von Dekhan ab. Rund 60 Flüsse und zahllose Bäche ergießen sich westwärts die Steilhänge hinunter. In den Bergen entspringen auch drei der wichtigsten ostwärts fließenden Flüsse der indischen Halbinsel - der Godavari, der Krishna und der Cauvery. Seit mindestens 5000 Jahren versorgen diese Flüsse Südindien mit Wasser.

Die Feuchtwälder in den Bergen der Westghats haben eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren hervorgebracht. Hier leben zum Beispiel die Bartaffen (auch Wanderus genannt), eine nur hier vorkommende Affenart mit schöner silberfarbener Mähne. Ihr Lebensraum ist heute durch die Zergliederung der Waldgebiete stark gefährdet. Zum Schutz dieser seltenen Tiere wurde daher 1987 der Nationalpark Kudremukh gegründet.

Von den ursprünglich 160 000 Quadratkilometern unberührten Regenwalds sind heute weniger als 12 000 Quadratkilometer übrig geblieben. "Das ist der Grund, warum wir so ungeduldig sind", erklärt Bhargav. Die Zentralregierung in Neu-Delhi war einst der mächtigste Verbündete des indischen Naturschutzes. In den letzten Jahren gewannen aber die wirtschaftlichen Interessen der Einzelstaaten zunehmend mehr Einfluss auf die Ausbeutung der wertvollen Ressourcen. "Viele der ausgewiesenen Naturschutzgebiete sind heute nur noch auf dem Papier geschützt", sagt Bhargav. "Früher wurde alles der Regierung überlassen. Jetzt müssen wir allein handeln. Das ist eine Vollzeitbeschäftigung."


(NG, Heft 1 / 2002)
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