Hotspots (III): Neuseeland

Artikel vom 01.10.2002  —  Autor: Kennedy Warne  —  Bilder: Frans Lanting

Zu dritt in einem Zweimannzelt, das wird eng, zumal, wenn neben Rucksäcken und Kamerataschen auch noch Autobatterien und eine Videoüberwachungsanlage verstaut werden müssen. Ich gebe es auf, schlafen zu wollen, und beobachte die dünnen Nylonwände, die unter prasselnden Regenwellen beben. Irgendwann schalte ich den postkartengroßen Monitor ein. Wir haben die Überwachungsanlage für Gebäude zweckentfremdet, um damit Tiere zu beobachten. Aber die Infrarotkamera zeigt nur ein paar vom Wind gepeitschte, struppige Büsche. Ich krieche zurück auf meinen Platz zwischen den beiden Wildhütern, die ich auf ihrer Nachtwache begleite, und lausche dem Geschrei der Sturmvögel. Dann, kurz vor Mitternacht, höre ich einen tiefen, dröhnenden Ton. Er könnte aus einem tibetischen Kloster kommen: Uuuum... uuuuuum... uuuuuum...

Drei Hände langen gleichzeitig nach dem Videoschalter. Der Bildschirm wird hell, da ist er: ein Kakapo, aufgeplustert auf den Umfang eines Fußballs. Neuseelands archaischer Papagei steht in einer Kuhle, die er in den torfigen Boden gebuddelt hat, und wummert seine Botschaft in alle Himmelsrichtungen: "Ich bin der Hahn aller Hähne. Kommt her zu mir, Hennen von Whenua Hou!"

Der Ruf wirkt hypnotisierend. Er klingt gar nicht nach Papagei oder überhaupt nach irgendeinem Vogel, aber er passt in die Gemeinschaft skurriler Lebensformen dieses Landes. Der Vogel, der sich für einen Dudelsack hält, ist der schwerste Papagei der Welt und der einzige, der nicht fliegen kann. Soweit man weiß, gibt es nur noch 86 Exemplare seiner Art. Die meisten, darunter die 21 erwachsenen Hennen, von denen die Zukunft der Art abhängt, findet man auf dieser Insel: Whenua Hou ist ein Wildreservat vor der Westküste von Stewart Island, der südlichsten und kleinsten von Neuseelands drei Hauptinseln. Einst gehörte der dumpfe Ruf des Kakapo zur Nachtmusik in ganz Neuseeland.

Jeden Abend während der dreimonatigen Balz im Sommer versammelten sich die Hähne auf den Gipfeln, um bis zum Morgen zu singen. Und die Hennen hatten freie Auswahl.

Über unserem Unterfangen liegt der Hauch militärisch straffer Organisation - passend zur Aufgabe. Wie unser Nationalvogel, der Kiwi, verkörpert der Kakapo die Einzigartigkeit und zugleich die Not der endemischen, das heißt, ausschließlich hier vorkommenden Fauna und Flora Neuseelands. Wenn wir diesen Papagei - und andere der vielen hier gefährdeten Arten - retten, bedeutet das einen großen Fortschritt im Kampf für die globale ökologische Wende. Wir machen uns selber und der Welt wieder bewusst, dass es möglich ist, beinahe ausgerottete Arten noch zu retten. Und wir erhalten eine Menge wahrlich eigenartiger Geschöpfe.


(NG, Heft 10 / 2002)
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