Ibn Battuta - Prinz der Reisenden

Artikel vom 01.11.2002  —  Autor: Thomas J. Abercrombie  —  Bilder: James L. Stanfield

"Ich verließ meinen Geburtsort Tanger am 13. Juni 1325 mit der Absicht, die Wallfahrt zu unternehmen." So beginnt der Bericht. "Ich wollte mich von allen Lieben - Männern wie Frauen - trennen. Ich verließ meine Heimat, wie der Vogel sein Nest verlässt." Das brüchige arabische Manuskript ist 630 Jahre alt. Es wird in der Nationalbibliothek in Paris aufbewahrt. Der volle Name seines Autors ist Scheich Abu Abdallah Mohammed bin Abdallah bin Mohammed bin Ibrahim al-Lawati. In Kurzform wird er Ibn Battuta genannt.

Was er beschreibt, ist eine Welt aus Tausendundeiner Nacht, voller Karawanen, verschleierter Haremsdamen, segelnder Dhaus, tanzender Derwische und verbotener Städte - eine Welt der Briganten und der Pfeil- und Bogen-Kämpfe, der Festessen bei Sultanen mit Turbanen und der Trugbilder, heraufbeschworen von heruntergekommen Fakiren.

Im Westen kennt man ihn fast nur aus akademischen Fußnoten. In seiner marokkanischen Heimatstadt aber ist Ibn Battuta überall präsent. Im Kulturzentrum von Tanger bereitet Direktor Ouasini Arafat gerade eine Ausstellung mit Portraits von Ibn Battuta vor, gemalt von marokkanischen Künstlern. "Natürlich hatten sie nur wenig, woran sie sich halten konnten", sagt er. "Es gibt nämlich kein verbürgtes Bildnis von unserem berühmten Reisenden". Die meisten Leinwände zeigen einen bärtigen Gelehrten mit durchdringendem Blick, gekleidet in ein Kapuzengewand, in der Hand einen Wanderstab.

Kaum hatte er seine Studien beendet, da brach er zu einer Reise ins fast 5000 Kilometer entfernte Mekka auf. In einem Zeitraum von 29 Jahren führte ihn sein Fernweh bis zu den Grenzen der islamischen Welt.

Er legte 120 000 Kilometer zurück - dreimal so viel wie sein europäischer Vorläufer Marco Polo . Wo immer er war, suchte Ibn Battuta die weisen gottesfürchtigen Männer auf. Er lebte von seiner ersten Pilgerfahrt bis zu dem Tag seines Todes in Fez nach den Worten des Koran: "Allah hat die Erde für dich wie einen weiten Teppich ausgelegt, damit du auf ihren endlosen Wegen reisest."

Ibn Battuta starb 1369 im Alter von 64 Jahren. Ein kleines Grab in Tanger birgt laut Inschrift seine Überreste. Zweifelsfrei erwiesen ist das aber nicht. Ibn Battuta wäre wohl mit dem mevlana, dem türkischen Sufi, einer Meinung gewesen: "Wenn wir tot sind, suche unser Grab nicht in der Erde, sondern in den Herzen der Menschen."


(NG, Heft 11 / 2002)
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