"Tschiiileeee ... tschiiileeee bülbülüm, tschiiileeee." Eine warme Augustnacht in Istanbul. Es geht auf Mitternacht zu, und in der Neo Bar wird Jubel laut, als die Stimme der türkischen Rockdiva Burcu Günes den verrauchten Nachtclub erfüllt. Den ganzen Abend hat man zu westlicher Popmusik getanzt, doch jetzt hören alle wie gebannt zu.
Bild: NG Maps Vergrößern
"Çile Bülbülüm" (im Türkischen wird das ç als "tsch" ausgesprochen) ist ein Liebeslied, das die meisten schon als Kinder gelernt haben. Günes hat es mit einem hämmernden Beat unterlegt und in eine Pophymne verwandelt. "Tschiiileeee", singen Dutzende junger Leute mit, die Augen geschlossen, die Stirn in Falten bittersüßer Wehmut gelegt. "Çile bedeutet 'Kummer, Trauer'", erklärt mir ein Mann. "Die Sängerin fragt ihre bülbül - ihre Nachtigall -,warum sie so viel Kummer ertragen muss."
Viele junge Türken haben allen Grund, diese Frage zu stellen. Istanbul steht auf der Scheidelinie zwischen Ost und West, zwischen Mittelalter und Moderne, zwischen Säkularismus und islamischem Fundamentalismus, zwischen einem verheerenden Erdbeben und dem nächsten, zwischen Wohlstand und wirtschaftlichem Kollaps. Die Stadt ist von einer kulturellen Ambivalenz durchdrungen, die so komplex ist wie die Aromen, die die Luft des Gewürzmarkts erfüllen.
  Vergrößern
Auf der Istiklal Caddesi, der belebtesten Geschäftsstraße, sieht man Frauen mit Miniröcken neben den Frauen, die von Kopf bis Fuß mit kara çarsaf, schwarzen Tschadors, verhüllt sind. Bauern aus Anatolien leben im Schatten von Wolkenkratzern, in denen Börsenmakler arbeiten.
Istanbul liegt genau auf der Scheidelinie zwischen Europa und Asien, einer Scheidelinie, die durch die schimmernde Meerenge des Bosporus markiert wird. Zwei Drittel der Bevölkerung leben westlich der Meerenge, in Europa, der Rest wohnt im östlichen Teil, in Asien. Eine Fahrt entlang der Grenze zwischen den beiden Kontinenten scheint mir eine passende Art, diese in so vielerlei Hinsicht geteilte Stadt zu betrachten.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus