Jamestown - ein Kampf ums Überleben

Artikel vom 01.09.2002  —  Autor: Karen E. Lange  —  Bilder: Ira Block

Schaufel in der Hand, die berufliche Zukunft unter den Füßen: So stand der Archäologe William Kelso im April 1994 am James River auf einer kleinen Insel. Er hatte einen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben und war mit seiner Frau ans andere Ende von Virginia gezogen. Dort wollte er das James Fort finden, den ersten erfolgreichen Vorposten englischer Kolonisten in der Neuen Welt.

Ford Jamestown, Ausgrabungen

Bild: Richard Schlecht Vergrößern

Jahrzehntelang waren Archäologen der Ansicht, dass die im Jahr 1607 angelegte Befestigung vom James River verschlungen worden war. Kelso zählte zu den wenigen, die eine andere Auffassung vertraten. Er war überzeugt, dass sich die Überreste des Forts noch an Land befanden.

Also kaufte der Archäologe Spaten und Schubkarre und ging ans Werk. Zu graben begann er unweit des Denkmals für die Indianerin Pocahontas, die einst auf dem Gebiet des heutigen Virginia den Frieden zwischen Siedlern und Indianern ausgehandelt hatte. Bereits nach wenigen Stunden stieß er auf eine jahrhundertealte Kehrichtgrube, in der sich große Mengen Glasperlen sowie Messingknöpfe, Tonscherben und Kupferstückchen befanden. "So etwas hatte ich bei keiner anderen Ausgrabung erlebt", erzählt Kelso. "Eine bessere Ausgangsposition kann sich ein Archäologe nicht wünschen."

Kaum zwei Jahre später hatten der Forscher und sein Team auch die Palisade des James Fort gefunden. Die Stellen, wo einst die Holzpfosten gestanden hatten, zeichneten sich dunkel im Erdreich ab. "Hier tagte die erste Generalversammlung", erläutert Kelso: "die Urform des demokratischen Regierungssystems."

Mit der Entdeckung des James Fort hatte Kelsos Team eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte berührt: eine Zeit der Seuchen, des Hungers und der Kriege, in der sowohl Engländer als auch Indianer wehrlose Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt haben. Von den 6000 Siedlern, die über die in London ansässige Virginia Company zwischen 1607 und 1625 nach Jamestown kamen, fanden 4800 den Tod.


(NG, Heft 9 / 2002)
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