Massenvernichtungswaffen

Artikel vom 01.11.2002  —  Autor: Lewis M. Simons  —  Bilder: Lynn Johnson

Beim Begriff Massenvernichtungswaffen denken die meisten von uns zunächst an die Atombombe . Mehr als vor ihr muss sich die Welt aber wahrscheinlich vor anderen, weniger bekannten Waffen fürchten. Am obersten Ende der Bedrohungsskala rangieren so genannte "schmutzige Bomben" - gewöhnlicher Sprengstoff mit einem Mantel aus radioaktivem Material - und der Internet-Terrorismus: Mit ein paar Mausklicks verschaffen sich Hacker Zugang zu Computersystemen, die die Wasser- und Energieversorgung, den Luftverkehr, den Geldtransfer und die Telekommunikation eines Landes regeln. Die tödlichste Bedrohung geht allerdings von den bekannten atomaren, chemischen und biologischen Waffen aus.

Das Katastrophenszenario eines Angriffs mit Pockenviren war Inhalt eines Planspiels. Es wurde im Juni 2001 an einem Konferenztisch auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington durchexerziert. Der ehemalige US-Senator Sam Nunn spielte den Präsidenten, die Rollen von Ministern, Militärs, Behördenchefs und Journalisten waren ebenfalls prominent besetzt. Die Übung lief unter dem Codenamen Dark Winter ("Finsterer Winter"). Es ging darum, zu untersuchen, wie gut die USA auf einen Angriff mit Biowaffen vorbereitet sind.

Etwa zur selben Zeit, als Nunn versuchte, "Dark Winter" in den Griff zu bekommen, begannen die Fotografin Lynn Johnson und ich mit unseren Recherchen zur Bedrohung der Menschheit durch solche Waffen. In den vergangenen Monaten sind wir in einige der düstersten und erschreckendsten Ecken der Welt gereist - in Russland und Kasachstan, in der Ukraine und im Iran, in Japan und in den Vereinigten Staaten. Zu Beginn schien es uns, als seien sich viele Menschen solcher Bedrohungen kaum bewusst oder beachteten sie nicht.

Dann kamen der 11. September und danach die Anthraxbriefe an amerikanische Politiker und Journalisten. Und die alarmierenden Ergebnisse von "Dark Winter" wurden bekannt. Wie sollte man auf einen möglichen weiteren Anschlag reagieren?

Wir erwarteten, dass sich jetzt verschlossene Türen öffnen würden. Stattdessen wurden uns bereits offene vor der Nase zugeschlagen. Mitarbeiter wichtiger Forschungslabors und militärischer Einrichtungen, die uns vor dem 11. September empfangen wollten, sagten ab. Politiker hüllten sich in Schweigen. Die Leute von den Geheimdiensten hatten Termine. Menschen, denen wir vertraut hatten, tischten uns Lügen und irreführende Informationen auf. Dennoch gelang es uns, ein ziemlich klares Bild von dem zu bekommen, was die Menschheit im Kampf für unser aller Zukunft erwartet. Die ganze Welt ist auf der Hut: Wenn Staaten - oder Terroristen - zu Massenvernichtungswaffen greifen, kann sich niemand sicher wähnen.


(NG, Heft 11 / 2002)
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