"Mein Traum und mein Ziel!"

Artikel vom 01.11.2002  —  Autor: NATIONAL GEOGRAPHIC, Oktober 1909 Text: Robert E. Peary

Ein Temperaturanstieg auf minus 26 Grad erhöhte die Gleitfähigkeit der Schlittenkufen. Es schien, als habe sich die Stimmung der Mannschaft auf die Hunde übertragen. Die lebhaftesten unter ihnen warfen immer wieder den Kopf hoch und stießen ein kurzes, scharfes Bellen oder Jaulen aus. In zwölf Stunden legten wir 65 Kilometer zurück. Es gab nicht das geringste Anzeichen für eine offene Wasserrinne. Ich hatte die fünfte Etappe hinter mich gebracht. Es war Mittag - die richtige Zeit, um bei einem kurzen Aufreißen der Wolken eine schnelle Positionsbestimmung durchzuführen. Demnach befanden wir uns bei 89 Grad 57 Minuten.

Ich zitiere eine Notiz aus meinem Tagebuch, die ich ein paar Stunden später machte: "Endlich der Pol! Der Lohn von drei Jahrhunderten! Mein Traum und mein Ziel seit 20 Jahren! Endlich mein! Ich kann es nicht fassen. Alles erscheint so einfach und so alltäglich. Auch Bartlett hat sich so ausgedrückt. Er hatte bei seiner Umkehr über den Aufenthalt in dieser einsamen Gegend, in die noch nie zuvor ein Sterblicher seinen Fuß gesetzt hatte, gesagt: 'Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag.'" Natürlich war ich von meinen Gefühlen so überwältigt, dass trotz äußerster Erschöpfung nicht an Schlaf zu denken war - es ist ein Gefühl, das man nur einmal im Leben hat. Aber hier ist kein Platz, um das ausführlich zu beschreiben.

Die ersten 30 Stunden am Pol verbrachte ich mit Beobachtungen. Ich ging von unserem Lager aus noch etwa 16 Kilometer weiter geradeaus und dann 13 Kilometer nach rechts. Ich machte Fotos, stellte meine Fahne auf, deponierte meine Aufzeichnungen, suchte den Horizont mit dem Teleskop nach Land ab und schaute mich nach einer Stelle um, an der ich die Wassertiefe ausloten konnte. Zehn Stunden nach unserer Ankunft riss eine leichte Brise, die von uns aus gesehen von links kam, die Wolken auf.

Von diesem Moment an bis zu unserem Abmarsch am 7. April herrschte störungsfreies, wolkenloses Wetter. Die niedrigste Temperatur in diesen 30 Stunden betrug minus 36 Grad, die Höchsttemperatur lag bei minus 24 Grad.

Wir waren am Ziel. Aber noch lag der Rückweg vor uns. Wir mussten das Festland vor dem nächsten Frühjahr erreichen. Das würde alle Kräfte kosten. Von nun an würde es nur noch darum gehen voranzukommen. Wir würden wenig schlafen und immer in Eile sein. Wir mussten versuchen, das Marschtempo auf dem Rückweg zu verdoppeln. Wir würden also eine Etappe, die wir auf dem Hinweg in Richtung Norden marschiert waren, in der halben Zeit zurücklaufen, in den Iglus Tee machen und unser Mittagessen einnehmen. Dann würden wir den nächsten Streckenabschnitt absolvieren, essen und paar Stunden schlafen - und dies so weiter, jeden Tag.

Mehr über Expeditionen zum Nordpol:

Robert Peary erreichte am 6. April 1909 mit Hundeschlitten als Erster den Nordpol. Den vollständigen Originalbericht über den Gewaltmarsch des Amerikaners lesen Sie in der Oktober-Ausgabe 2004 von NATIONAL GEOGRAPHIC.


(NG, Heft 11 / 2002)
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