Hubertus Schmiechen, aufgewachsen im Thüringer Wald , hält sich nicht mit großen Reden auf. Was den typischen Oberhofer ausmache, will ich von ihm wissen. "Na ja, wenn Sie unbedingt mich fragen müssen", sagt er, den Schraubenschlüssel in der Hand, und sein Murmeln gibt schon die Antwort. Doch wie auf jeden Winter das Frühjahr folgt und das Eis in der Bobbahn zum Schmelzen bringt, taut auch Liftwart Schmiechen nach einer Weile auf. Der typische Oberhofer habe mit Wintersport zu tun, davon lebe ja diese Stadt mit ihren fast 2000 Einwohnern, sagt er. Darauf baue sie ihr Selbstbewusstsein auf, und damit erzähle sie auch ihre Geschichte.
Bild: Gerhard König (rechts) Vergrößern
Im Übrigen sei es eine ziemlich dumme Idee, ihn zu fragen, ob er Wintersportfan sei. "Hören Sie, Fan sagen nur die Touristen. Ich bin mit Skiern groß geworden. Wintersportler war ich schon immer."
Oberhof, eine Autostunde südlich von Erfurt, kommt in den Sportsendungen vor, wenn es draußen kalt ist und drinnen der Fernseher die Zeit vertreibt. Dann sagen die Reporter, jener Bobfahrer und jener Langläufer und jener Nordische Kombinierer stamme aus Oberhof in Thüringen. Und wer eine Saison lang die Wintersportsendungen aufmerksam verfolgt hat, der hat bestimmt 100-mal Oberhof gehört.
So ähnlich war es schon in der DDR, als der Armeesportklub (ASK) Vorwärts einer der erfolgreichsten Wintersportvereine der Welt war. Damals benannten sie die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Karl Marx und durchsetzten das historische Oberhof, Wintersportort seit 100 Jahren, mit hässlichen Plattenbauten für die Leistungszentren. Schmiechen war Haustechniker im Pionierhaus am Rennsteig und sorgte dafür, dass die Lichter brannten. Heute ist er im Hauptberuf immer noch Haustechniker, das Liftgeschäft läuft nur nebenher. Und er arbeitet nach wie vor im Pionierheim, das jetzt Naturfreundehaus heißt und Schulklassen beherbergt.
  Vergrößern
Das Sportgymnasium unten am Harzwald ist weit entfernt von KJS-Zeiten. Längst ist es im Westen angekommen, genauer gesagt: ist der Westen am Harzwald gelandet. Schulleiter Helge Greiner rechnet wie alle hier die Fortschritte automatisch in Schießergebnisse und Weitenmeter um. Bei den Winterspielen 1992, den ersten nach der Wende, hätten 19 ehemalige Schüler aus Oberhof mitgemacht, sagt er. "Diesmal werden es bestimmt mehr als 20 sein." Heute kämen auch Talente aus Bayern und Westfalen an seine Schule. Wenn die Oberhofer in den Listen der Nachwuchswettbewerbe einen Namen finden und dahinter eine verheißungsvolle Zahl, rufen sie auch schon mal selber an und fragen, ob der aufstrebende Athlet sich nicht in Thüringen den "letzten Schliff" verpassen lassen mag, wie Greiner das nennt. Viele wollen.
23 Gold-, 18 Silber-, 14 Bronzemedaillen, die Olympiaausbeute für Oberhof seit der Wende kann sich sehen lassen. Insgesamt haben hiesige Sportler ein paar hundert Medaillen gewonnen. Greiner zählt die Namen auf, die in Salt Lake City für eine gute Bilanz sorgen sollen. "Die Rodlerin Silke Kraushaar, der Bobfahrer Andre Lange, die Biathletin Kati Wilhelm, herrje, das sind nur die Wichtigsten!" Einen nennt er noch, den Skispringer Stefan Hocke, 18 Jahre alt. Er stammt aus Oberhof, sein Vater ist Lehrer am Gymnasium. "Wenn der was reißt", sagt Greiner, "dann feiern wir. Der springt schließlich direkt aus dem Herzen unseres Orts."
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus